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Apothekergespräch

Medizin

Autor: A. P.

Der Berliner Apotheker Peter Waßmuth sprach bei der ICBC auf dem Podium über die rechtlichen und praktischen Änderungen seit dem neuen Cannabisgesetz. Hinterher stand er draußen kurz für ein paar Fragen zur Verfügung. Umso besser, dass sich noch zwei weitere Apothekerkollegen dazugesellten.

in.fused: Sie haben in Ihrer Apotheke schon länger Erfahrung mit Cannabis?

Waßmuth: Ja, unsere Apotheke hatte eine Ausnahmeerlaubnis ab 2013. Die war früher nötig. Jetzt mit der Gesetzesänderung kann jede Apotheke Cannabis abgeben.

in.fused: Aber manchen fällt das noch schwer?

Waßmuth: Wie bei den Ärzten gibt es da bei einigen Berührungsängste. Oder welche, die nicht über die Gesetzeslage informiert sind. Also, was da überhaupt möglich ist. Dementsprechend schicken sie Patienten dann weg.

Frau Klotz, Apothekerin: Die Angst vor der Klientel, die man sich ins Haus holt, ist auch sehr groß. Gerade, weil die sehr informiert ist.

in.fused: Es gibt Apotheken, die sagen: Bei mir nicht?

Waßmuth: Wir haben Patienten, die aus Halle oder Rostock gekommen sind, weil sie keine Apotheken gefunden haben.

in.fused: Sie beraten auch, wie man das verabreichen kann? Als Tee oder mit einem Vaporisator?

Waßmuth: Die meisten unserer Patienten kennen sich schon seit Jahren aus – die hatten eine Ausnahmegenehmigung. Alle neuen, die das jetzt probieren möchten, die beraten wir natürlich auch zu Wechselwirkungen und Nebenwirkungen.

in.fused: Das Cannabis kann man ja auch nicht ewig lagern, oder?

Waßmuth: Nein, das hat natürlich eine bestimmte Haltbarkeit. Meistens ein halbes Jahr.

in.fused: Und welche Informationen gibt die Dose her?

Waßmuth: Das Pflanzenverhältnis steht nicht drauf, sondern nur der THC- und der CBD-Gehalt. Bei einem Fertigarzneimittel müsste man das genau aufschlüsseln.
Bei Blüten ist wegen des Betäubungsmittelgesetzes erst mal der THC-Gehalt wichtig.

in.fused: Der Preis ist jetzt schon in die Höhe geschnellt? Wieso das?

Waßmuth: Vorher konnte die Apotheke selbst kalkulieren mit dem Einkaufspreis. Und jetzt gibt es den gleichen EP, aber sie ist gesetzlich verpflichtet, Aufschläge zu nehmen. Das ist vorgeschrieben, wie die Aufschläge gestaffelt sind.

in.fused: Wird das so bleiben? Die Kosten haben sich für Patienten ja teilweise verdoppelt.

Waßmuth: Wenn von gesetzlicher Seite nichts unternommen wird, dann würden die Preise so bleiben und die kann man nur über Rechtsverordnung ändern. Die Krankenkassen und die Apotheken könnten natürlich miteinander verhandeln, Cannabis anders berechnen.

Apothekerin: Da hat auch vorher keiner drüber nachgedacht. Es wurde verschreibungsfähig – und da war keinem bewusst, was das mit dem Preis macht.

in.fused: Wo liegt denn der Preis?

Das ist abhängig von der Menge. Bedrocan haben wir immer in 5-Gramm-Dosen angeboten, das war auch immer die Bezugsmenge, war früher bei uns 67 bis 75 Euro je nach Mengenabnahme gestaffelt, jetzt liegt es bei 118 Euro.

in.fused: Wie begründen die Krankenkassen ihre massenhaften Absage der Kostenübernahme? Wo es doch gesetzlich festgelegt wurde?

Waßmuth: Die sagen dann, dass die Krankheit und die Komorbidität oder das Austherapierte nicht ausreicht, „da besteht noch die und die Möglichkeit“ – und „bitte probiert das zuerst“.

in.fused: Auch wenn es im Endeffekt teurer sein könnte?

Waßmuth: Ja.

in.fused: Wieso?

Alle lachen: Tja, Deutschland …

Herr Reinhard, Apotheker: Institute entwickeln Leitlinien, welche Therapie gut, welche schlecht ist. Da tun sie sich jetzt schwer, weil für Cannabis ist eine Leitlinie einfach Quatsch: Jeder Ansatz zu einer Cannabistherapie ist patientenindividuell und nicht einer Krankheit geschuldet. Einer mit HIV und Reizdarm kriegt das besser mit Cannabis weg als ein anderer, der auch HIV und Reizdarm hat. Aber dann kann man nicht sagen: probier´s einfach aus. Weil man weiß, es funktioniert nur bedingt.

in.fused: Gibt es in Ihrer Apotheke nie Versorgungsengpässe?

Waßmuth: Nein, eigentlich nicht. Bei bestimmten Sorten, die noch in der Prüfung drin sind. Aber Standardsorten, die gern auch am Anfang einer Therapie eingesetzt werden, sind auch durch die Händler kurzfristig lieferbar.

in.fused: Müssen Sie denn mal was wegschmeißen?

Waßmuth: Bis jetzt zum Glück nur einmal zwei Dosen.

in.fused: Ihre Wünsche für die Zukunft von medizinischer Cannabisversorgung?

Waßmuth: Dass das einheitlich geregelt wird. Dass Patienten eine Therapie erstattet bekommen und ein vertretbarer Preis für die Patienten und für die Apotheken klar definiert wird. Dass es kein Zuschussgeschäft ist und dass Patienten in ganz Deutschland versorgt werden.
Da ist ein Informationsfluss, der erst mal jetzt stattfinden muss. Hemmnisse müssen abgebaut werden bei Ärzten und Apotheken.

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Bildquelle: Chiara Pinna unsplash

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