Weil viele Patienten nicht wissen, dass es ihnen helfen kann – und zwar legal. Der Berliner Cannabispatient Maximilian Plenert über seine Erfahrungen.

Die meisten der wenigen Cannabispatienten in Deutschland haben zuerst Cannabis entdeckt – und danach seine medizinische Wirkung. Dieser indirekte Weg brachte sie erst auf die Idee, zu recherchieren, was legal möglich ist. Offizielle Informationen über medizinisches Cannabis waren kaum verfügbar.

Die Qualität der Informationen, die man im Internet zu diesem Thema finden kann, ist durchwachsen.

Wer heute als Patient neu auf das Thema Cannabis als Therapie stößt, hat in der Regel kaum oder gar kein Vorwissen über die Substanz. Betroffene werden über Berichte im Internet, Tipps von Bekannten oder Medienberichte aufmerksam. Diese Gruppe, die in Zukunft die Mehrzahl der Cannabispatienten stellen wird, braucht deswegen zuverlässige und detaillierte Informationen über die Möglichkeiten und den praktischen Einsatz von Cannabis.

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Zu unseren Selbsthilfetreffen in Berlin kommen die unterschiedlichsten Menschen, viele mit besonders schweren oder seltenen Erkrankungen oder langen Krankengeschichten. Wir treffen Menschen, die nach Rettung für ihren sterbenden Partner fragen. Wir haben Eltern, die Hilfe für ihr schwer krankes Kind suchen. Dann gibt es Patienten, die richtig schlechte Erfahrungen mit Ärzten, gerade aus der Psychiatrie, gemacht haben, oder Söhne, die ihren krebskranken Vätern helfen wollen. Und immer wieder kommt es vor, dass einige nicht mehr dabei sind. Mehr als einen Verstorbenen mussten wir schon von der Mailingliste nehmen.

Schlechte Informationen wecken falsche Hoffnungen

Die Qualität der Informationen, die man im Internet zu diesem Thema finden kann, ist durchwachsen. Menschen saugen in ihrer Verzweiflung vieles auf und leider werden hier immer wieder falsche Hoffnungen geweckt. Der Mangel an offiziellen, seriösen und anerkannten Quellen enttäuscht zusätzlich. Stattdessen gibt es aus dem esoterischen Bereich und der sogenannten alternativen Medizin jede Menge Quellen, die man aber mit Vorsicht genießen muss. Mit anderen Worten: Der „Wissensstand“ nach einer unkritischen Recherche ist mitunter gruselig. Wer dann mit einem Sammelsurium an richtigen – aber verzerrten – und falschen Informationen einen Arzt aufsucht, kommt selten weiter – um es positiv auszudrücken.

Fakt ist: Cannabis ist keine Wundermedizin

Cannabis ist keine esoterische Wundermedizin, sondern ein sicheres Phytoarzneimittel mit einigen spannenden Eigenschaften. Sein Vorteil ist nicht unbedingt die Wirkstärke bei ganz bestimmten Diagnosen. Hier gibt es inzwischen – vor einigen Jahrzehnten sah dies noch anders aus – viele sehr wirksame Mittel. Sondern das Besondere an Cannabis ist die Mehrfachwirkung bei vielen Indikationen und ein vergleichsweise günstiges Verhältnis von Wirkung zu Nebenwirkungen. Gerade die Risiken von Cannabis sind gut erforscht.

Zu wenig Sorten = schlechte Therapie

Berichte über Einzelfälle wirken

Aber auch positive Informationsquellen und damit Wege zu Cannabis haben in den letzten Jahren zugenommen. Es wird immer mehr in den Medien darüber berichtet. Darunter sind z. B. Artikel über Cannabis als Medizin in den USA oder auch Berichte über Einzelfälle bei speziellen Diagnosen wie Schmerzen, ADHS, Tourette, Epilepsie, MS etc.
Auf der anderen Seite gibt es bisher kaum Informationen z. B. von Fachgesellschaften zu MS oder anderen Erkrankungen. Wegen der schmalen Evidenz und des fehlenden Interesses durch Pharmafirmen wird diese Lücke noch lange erhalten bleiben.

Ein besonderes Arzt-Patient-Verhältnis

Die meisten Patienten, die Cannabis mit einer Ausnahmegenehmigung nutzen, sind bei einem der beiden Spezialisten für medizinisches Cannabis, Dr. Franjo Grotenhermen und Dr. Eva Milz. Diese Patienten sind in der Regel schon cannabiserfahren und haben bisher meist Ablehnung durch Ärzte erfahren. Deswegen sind sie umso dankbarer, endlich einen Mediziner gefunden zu haben, der ihnen glaubt. Über die Ärzte, die Dronabinol, Sativex oder CBD verordnen, wissen wir sehr wenig, da nur ein kleiner Teil der Rezepte über die Krankenkassen abgerechnet wird. Man weiß nicht einmal, wie viele Rezepte, Patienten und Verordnungen es gibt. Im stationären Bereich ist die Abrechnung aufgrund der Fallpauschalen eher möglich, wenn der Chefarzt oder ein Arzt in der Leitung den Einsatz befürwortet.
Zu wenig Sorten = schlechte Therapie

Bis vor kurzem waren nur vier bis fünf Sorten legal in der Apotheke erhältlich. Da bleibt wenig Spielraum für Versuche mit einzelnen Sorten, die aber je nach Erkrankung und Symptom unterschiedlich helfen. Ideal wäre hier ein sehr breites Sortiment, aus dem Patienten wählen können. Die meisten kaufen nur die stärkste Sorte Bedrocan. Viel Wissen um die Vor- und Nachteile von Sorten haben Patienten bei illegalem Cannabis, insbesondere wenn sie selbst anbauen. Gerade die Sorten mit viel CBD sind für tagsüber gut geeignet ¬– und für Menschen, die THC nicht so gut vertragen, ein sehr spannende zusätzliche Option.

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Wenig Schäden und Nebenwirkungen

Schwerkranke Menschen wissen: Viele eingesetzte Arzneimittel haben erhebliche Nebenwirkungen. Gerade im längeren Einsatz ist Cannabis viel weniger gefährlich als so manche Alternative. Ebenso gibt es bei Cannabis quasi keine gefährlichen Wechselwirkungen wie bei anderen Medikamenten. Patienten, die seit Jahren konsumieren, haben gelernt, mit dem Rausch umzugehen. Und oft entwickelt sich eine Toleranz gegenüber den üblichen Nebenwirkungen, ohne dass die medizinische Wirkung vermindert wird. Bei Patienten darf man nie vergessen, dass sie oft nur die Wahl zwischen Cannabisrausch oder meist schweren Symptomen ihrer Krankheit haben.

Autor:  Maximilian Plenert