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Wer hat Angst vor Cannabis?

Medizin

Für die Berliner Psychiaterin und Psychotherapeutin Dr. Eva Milz ist die Wirkung der Cannabispflanze ein Segen. Warum das so ist – und wer noch überzeugt werden muss, erklärt sie im Gespräch mit sens media.

 

Der Status Cannabispatient klingt für viele immer noch nach Extrawurst und Sonderbehandlung für schräge Vögel. Bisher musste man auch wirklich verzweifelt sein oder aber schon selbst erfolgreich mit Cannabis experimentiert haben, um sich zu einer Antragsstellung durchzuringen. Seit zehn Jahren ist es immerhin möglich, sich ein Cannabisblütenrezept verschreiben zu lassen – wenn es die Bundesopiumstelle abgesegnet hat. Hat man den Zettel in der Tasche, ist man zwar kein „Krimineller“ mehr, sondern kann mit einem Dauerrezept in der Apotheke seiner Wahl fünf Gramm Cannabis verschiedener Sorten ordern. „Aber die Kosten für die Antragsstellung, für den begleitenden Arzt und für die Cannabisblüten selbst muss der Patient übernehmen“, erklärt Dr. Eva Milz, Berliner Psychiaterin und Psychotherapeutin. Da bliebe so mancher lieber kriminell, weil er es sich nicht anders leisten kann. Und wirklich ernst genommen fühlt sich so einer auch nicht.

Dr. Milz forscht an der Behandlung von ADHS mit Cannabis. „In den Anträgen bei der Bundesopiumstelle liest man keine gewöhnlichen Arztbriefe, sondern Schilderungen derbiografischen, medizinischen und juristischen Odyssee von Menschen, die sich selbstmedizieren“, sagt sie. Es klingt immer nach Zufallstreffer, wenn Cannabis Symptome bei Patienten lindert oder heilt, dabei lässt sich die Wirkung Schwarz auf Weiß belegen: „Es gibt ein körpereigenes Endocannabinoidsystem (ECS). Über Rezeptoren docken nachdem Schlüssel-Schloss-Prinzip innere, also Endocannabinoide, an. Von außen zugeführte Cannabinoide nutzen auch diese Rezeptoren“, erklärt sie, „es ist kaum zu glauben, wie wenig Eingang die Entdeckung des ECS in das medizinische und öffentliche Wissen gefunden hat, obwohl es bereits um das Ende des letzten Jahrtausends erstmalig beschrieben wurde.“

Gerade im Bereich ADHS nimmt man gravierende Nebenwirkungen in Kauf, die durch die starke Medikamentierung ausgelöst werden: „Inder Indikation ADHS ist die Mehrzahl der Medikamente (vornehmlich Betäubungsmittel) nur bei Kindern zugelassen, Erwachsene dürfen nach Maßgabe medizinischer Leitlinien nur die Präparate verordnet bekommen, die ein vergleichsweise geringeres Abhängigkeitspotenzial besitzen“, wundert sie sich. Nein, eigentlich ärgert sie sich vielmehr.

Und weil ärgern nichts verändert, will Eva Milz Überzeugungsarbeit leisten, die in den Köpfen der entscheidenden Menschen ein paar Schalter umlegen soll: „Mir liegt es am Herzen, Cannabis als Medizin sowohl Betroffenen näher zu bringen, aber natürlich auch die Leute zu überzeugen, die Teil des Gesundheitssystems sind“, sagt sie. Nicht zuletzt sind damit Ärzte gemeint, die gerade in Deutschland eine gesellschaftliche Sonderrolle einnehmen und immer noch unantastbare Autorität besitzen. Wenn deren Vorbehalte „behandelt“ würden, könnte sich die negativ behaftete gesellschaftliche Meinung von Cannabis wandeln.

„Die Informationen zu Cannabis sind vielfältig und oft widersprüchlich oder verwirrend, z.B. bezüglich der Folgen bei Kindern und Jugendlichen. Es gibt in Deutschland noch zu viele Ärzte, die einfach unzureichend über Nutzen und Risiken des Einsatzes informiert sind, die ihn aus Gründen der Stigmatisierung als Kiffer ablehnen“, erklärt Milz. Deswegen sind es auch deutschlandweit zurzeit nicht mehr als 900 Menschen, die den Antrag erfolgreich durchgesetzt haben. Ohne Rückhalt ist es kaum zu schaffen.

Wenn Ärzteaufklärung und die geplanten Gesetzesänderung Hand in Hand gehen, kann sich wirklich etwas verändern. „Cannabisgebrauch ist ja kein Schreckgespenst mehr, sondern wird bereits von der Politik akzeptiert“, meint Milz, „es fehlen nur noch die Kostenerstattung durch die Krankenkassen und die Gleichstellung von Cannabis mit anderen verschreibungsfähigen Betäubungsmitteln“. Dann ist natürlich noch zu klären, wie sich Cannabisgebrauch mit Arbeits-, Sozialleben und der Teilnahme am Straßenverkehr vereinbaren lässt. Und – darauf freut sich Eva Milz schon – zu erforschen, wie die verschiedenen Cannabissorten jeweils ihre Wirkung entfalten. Auch das wird bislang noch schwer unterschätzt – und schon bald vielleicht hochgeschätzt.

Autor: Eva Milz

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