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Was man über CBD wissen muss

Medizin

Die Berliner Ärztin Dr. Eva Milz beantwortet die wichtigsten Fragen

 

Cannabis, Cannabinoide, Cannabidiol (CBD) – Was ist das?

Cannabis ist die Pflanze, Cannabinoide ist der Obergriff für die wirksamen Bestandteile dieser Pflanze und Cannabidiol ist eines der Cannabinoide. THC ist das bekanntere Cannabinoid.

 

Das heilsame Potenzial von CBD ist nicht neu. Warum wird es erst jetzt ernst genommen?

Diese Frage hat sich Professor Mechoulam vor einiger Zeit in einem Interview gestellt, da bereits 1980 die Wirksamkeit bei therapieresistenter Epilepsie nachgewiesen werden konnte. Der erwartete Eingang in Wissenschaft und klinische Praxis blieb bislang aus und das immer noch aus Unkenntnis der Substanz. Mit der Gesetzesänderung, die Patienten den Zugang zu medizinischem Cannabis ermöglicht, wird ein größeres Bewusstsein für dieses Cannabinoid entstehen. Oft werden Sorten mit einem hohen CBD-Anteil wegen der geringeren psychedelischen und körperlich „runterfahrenden“, muskelrelaxierenden Eigenschaften – wie sie für Patienten mit Multipler Sklerose in Nabiximol enthalten ist – fälschlicherweise als „medizinisches Cannabis“ bezeichnet. Es gibt aber auch Erkrankungsbilder, bei denen THC-reiche Sorten bessere Wirkungen erzielen, z.B. bei Migräne, Depressionen und Appetitmangel.

 

Warum wurden Cannabissorten in der Vergangenheit eher auf einen möglichst hohen THC-Gehalt gezüchtet?

Selbst „eingefleischte“ Cannabiskonsumenten wissen oft nicht um den zusätzlichen Wert von Cannabidiol. Das illegal erhältliche Cannabis wird nach der Rauschwirkung beurteilt und soll somit möglichst viel THC enthalten. Die Eigenschaften des CBD wirken gegen einige rauschhafte Empfindungen wie eine Art Gegenmittel. Für den Patienten ist das erwünscht, für den Freizeitkonsumenten nicht. Es gibt ein ungeahnt großes Wissen um diese heilsame Pflanze und deren Züchtung, welches fast ausschließlich in einem illegalen Rahmen erworben werden konnte. Viele Patienten wurden dafür in der Vergangenheit hart bestraft.

 

Bedeutet ein hoher CBD-Gehalt automatisch einen niedrigen THC-Gehalt und umgekehrt?

Es gibt die unterschiedlichsten Kombinationen an THC- und CBD-Gehalt bei Cannabissorten. Es gibt auch Sorten, die den gleichen Anteil an THC und CBD beinhalten. Da CBD bei den meisten Erkrankungen, die hauptsächlich auf dieses Cannabinoid ansprechen, in hohen Dosen benötigt wird, macht es Sinn, solche Sorten gezielt zu züchten. Mit der Sorte „Charlotte’s Web“*, speziell für Kinder mit einer schweren Form der Epilepsie, ist dies schon erfolgreich gelungen.

 

Wie gewinnt man CBD?

Bislang wurde CBD aus Nutzhanf extrahiert, da dieser unter 0,2 Prozent THC enthält und somit überhaupt nur angebaut werden darf. Die immer wieder auftauchende Frage ist: Macht es überhaupt Sinn, ein einzelnes Cannabinoid zu isolieren? Wirkt CBD aus Nutzhanf genauso wie das CBD in einer Cannabisblüte, wo es mit hunderten weiteren Bestandteilen reagiert? Eine Patientin berichtete davon, sich für ihre Behandlung CBD aus Industriehanf zu extrahieren. Sie kaufte dafür immer gleich mehrere Kilogramm, die Ausbeute war recht mager. Die Nutzung von Cannabisblüten mit hohem CBD-Gehalt ist sicherlich praktikabler, aber eben nicht für jedermann verfügbar.

 

Welche Möglichkeiten gibt es, CBD zu sich zu nehmen?

Cannabidiol kann auf verschiedenste Weise genutzt werden. Man kann es je nach Lösungsmedium auch vaporisieren, also inhalieren. CBD wird auch bereits in ersten Nahrungsergänzungsmitteln angeboten oder ist in Hautpflegemitteln enthalten. Es wirkt auch schon lokal antientzündlich, allerdings berichten Patienten, dass zum Beispiel Psoriasis-Herde durch Eincremen teilweise abheilen, eine durchgreifendere Wirkung aber nur durch die „systemische“ Behandlung (oral oder inhalativ) erreicht werden konnte.

 

Wie bei THC gibt es bei CBD ein großes potenzielles Heilungsspektrum. Warum gibt es auch zu CBD kaum klinische Studien am Menschen? Mit welchen Nebenwirkungen ist bei CBD zu rechnen?

Studien gibt es kaum, da es sich um eine bis dato in den meisten Ländern der Erde verbotene Pflanze handelt, aus der es gewonnen wird. Die Hürden für wissenschaftliche Studien waren sehr hoch.

 

Trotz fehlender Rauschwirkung ist meine Überzeugung: Was wirkt, hat auch Nebenwirkungen. Das gilt auch für pflanzliche Arzneimittel. Nebenwirkungen müssen nicht immer unerwünscht sein, man kann sie auch nutzen. Konkret für CBD kann ich sagen, dass es unter längerer Einnahme zu einer Antriebslosigkeit kommen kann, einer Art Lustlosigkeit, sich zu etwas aufzuraffen, was auch stimmungsdrückend wirken kann. Zudem scheint es im Gegensatz zu THC den Appetit zu hemmen. Aufgrund der eher körperlichen Wirkweise kann es auch sein, dass die Muskulatur „weicher“ wird und somit die Bewegungen zwar leichter und weicher werden, dies aber immer auch die Gefahr eines Sturzes birgt. Ob CBD müde macht, hängt ebenfalls von dem Menschen ab, der es nimmt. Grundsätzlich sollte beim Einsatz von Medikamenten abgewogen werden, ob Wirkung und Nebenwirkung im Verhältnis stehen.

 

Welche Krankheitsbilder neben Epilepsie können potenziell mit CBD behandelt werden?

Potenziell kann ich mir einiges vorstellen, die Entdeckung beginnt ja gerade erst. Ich setze Cannabidiol z. B. gerne bei Angstpatienten ein, weil damit die muskuläre Verspannung nachlässt. Hierdurch können Schulter-, Nacken- und daraus resultierende Kopfschmerzen gut beeinflusst werden. Es hat auch einen beruhigenden, regulierenden Effekt. ADHSler berichten davon, dass CBD ihnen die Impulsivität etwas nimmt, das „Ausflippen“ werde so steuerbarer. Spannend finde ich auch den Einfluss auf Nerven- und Immunzellen. Cannabidiol entfaltet sehr ähnliche Wirkungen wie Kortison, ist aber wesentlich verträglicher. In Bezug auf Krebserkrankungen scheint es in Kombination mit THC zu wirken. Es gibt die Vorstellung, dass CBD entartete Zellen durch eine Veränderung der Proteine „markiert“, THC dann diese Zellen erkennen und bekämpfen kann. Ich empfehle Patienten, die Interesse an einer Behandlung mit Cannabis äußern, zunächst auszuloten, was CBD für sie tun kann. Nicht alle Menschen benötigen den THC-Anteil.

 

Würde es auch für gesunde Menschen sinnvoll sein, CBD einzunehmen?

Ja, ich glaube, es hat einen Vitamin-ähnlichen Zusatznutzen – und ich könnte mir vorstellen, dass die Industrie dies auch entdeckt. Die Möglichkeiten des Beifügens haben sich aber womöglich durch die Verschreibungspflicht verringert. Als Pflegeprodukte könnten „Gesunde“ CBD ebenfalls nutzen. Wenn es nicht hilft, wirklich schaden kann es auch nicht.

 

 

 


*„Charlotte´s Web“ ging um die Welt

Speziell für Charlotte Figi, die seit dem Alter von drei Monaten unter einer schweren Form von Epilepsie (Dravet Syndrom) litt, wurde von den Stanley Brothers eine Cannabissorte gezüchtet. Dafür kreuzten die sechs Brüder aus Colorado einen Industriehanf mit einer CBD-starken Cannabissorte. Das hieraus gewonnene CBD-Öl hat ein Verhältnis von CBD zu THC von 30:1, es wirkt also nicht psychoaktiv. Mit bis zu 300 Anfällen pro Woche war es Charlottes unmöglich sich normal zu entwickeln. Sie verlernte zu laufen, zu reden und zu essen. Im Alter von fünf Jahren hatten die Ärzte sie aufgegeben. Nach anfänglich starken Bedenken wurde ihr nach vielen Medikamentierunsgversuchen CBD verabreicht, das die Anfälle unmittelbar nach der Gabe zunächst komplett ausschaltete. Zwei- bis dreimal monatlich treten Anfälle inzwischen auf, allerdings fast unbemerkt in der Nacht. Dadurch konnte sich ihr Gehirn erholen und Charlotte erlernte das Laufen, Essen uns Sprechen neu.

Autorin: Eva Milz/ Bildquelle: rjenelle-ball unsplash

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