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Was man über THC wissen muss

Medizin

Dr. Eva Milz beantwortet die wichtigsten Fragen

 

Lange wusste man nicht, welcher Stoff im Cannabis eigentlich die typische Rauschwirkung hervorruft. Wer hat THC wann entdeckt?

Für mich ist das der 86-jährige Professor Raphael Mechoulam, Chemiker der Hebräischen Universität in Jerusalem, der 1964 mit Yehiel Gaoni erstmalig THC isolierte. Die Grundlage hierfür boten fünf Kilogramm sichergestelltes Haschisch, an das Mechoulam durch Kontakte zur Polizei gelang. Es war zuvor unmöglich, eine staatliche Genehmigung zur wissenschaftlichen Erforschung von Cannabis zu erhalten. Ein Jahr zuvor konnte bereits Cannabidiol (CBD) isoliert werden, dies war jedoch nicht mit einem Rausch assoziiert.

 

Wie kommt es zu dem „High“-Zustand?

Der Rausch entsteht durch das Andocken der Cannabinoide an die Rezeptoren im Gehirn, was „psychoaktiv“ bedeutet. Durch den Einfluss auf verschiedenste Überträgerstoffe kommt es zu veränderten, verstärkten und zum Teil verzerrten Sinneswahrnehmungen, die unterschiedlich psychisch verarbeitet werden es kommt folglich zu einer Bewusstseinsveränderung. Das High-Gefühl kann in sehr unterschiedlichen Formen auftreten und ist abhängig von der konsumierenden Person, Sorte und prozentualem THC-Gehalt. Es können Schlaffheit, innere Ruhe, Euphorie, Aktivitätsdrang, aber auch psychosenahe Empfindungen auftreten.

 

THC kann mehr, als uns zu berauschen. Ähnlich wie beim CBD hat THC enormes Heilungspotenzial. Was kann man glauben – oder hoffen?

Es gibt einen Unterschied zwischen einem Allroundmedikament, als welches ich Cannabis betrachte, und einem Wundermittel. Es ist schon überraschend, dass Cannabis in den verschiedensten medizinischen Fachbereichen eingesetzt werden kann. Wenn man betrachtet, dass der menschliche Organismus überall auf Cannabinoide reagiert, dann macht es Sinn, dass man diese Therapiemöglichkeit zumindest in Betracht zieht. Ich würde mir wünschen, dass die Schulmedizin Cannabis nun in die Behandlung akzeptierend aufnimmt, um ein eigenes Bild von den Möglichkeiten zu generieren. Patientenberichte wurden in der Vergangenheit von den meisten Ärzten nicht ausreichend gewürdigt. Hierdurch entsteht der Eindruck, es sei eine Medizin, an die man glauben müsse oder die nur einer bestimmten Patientenklientel vorbehalten sei. Es braucht wohl Studien, aber zum Glück waren die nicht erforderlich, um Cannabis nun als Medizin anzuerkennen.

 

Inwiefern ist THC so gefährlich für die Hirnstrukturen Jugendlicher?

Gefährlich ist nicht die Substanz an sich, sondern die Effekte. Drogen machen allesamt eines: Sie belohnen, ohne dass es etwas zu belohnen geben muss. Die Vorstellung ist, dass das Dopamin hier involviert ist. Für die persönliche Entwicklung Jugendlicher scheint es eher ungünstig, wenn ohne Anstrengung eine Dauerbelohnung verfügbar ist.

Allerdings scheinen viele junge Menschen diese traurigerweise zu benötigen.

Abzugrenzen sind hier unbedingt Kinder und Jugendliche mit traumatisierenden Erfahrungen und Aufmerksamkeitsstörungen. Ein hochfrequenter Cannabiskonsum sollte Anlass sein, auf Symptome einer Erkrankung zu achten und ihnen nachzugehen, anstatt eine Abhängigkeit zu diagnostizieren.

 

Ist grundsätzlich jeder junge Mensch, der Cannabis konsumiert, gefährdet?

Nein. Es wird immer Jugendliche geben, die alles ausprobieren, und welche, die alles ablehnen. Die Aufklärung über Alkohol- und Nikotinfolgen hat diese Stoffe auch unattraktiver gemacht, Cannabis wird durch den Einsatz als Medizin ein anderes Image bekommen.

In meiner Laufbahn als Psychiaterin und Psychotherapeutin haben mir viele meiner Patienten berichtet, eine Alkoholabhängigkeit entwickelt zu haben, nachdem sie wegen der Illegalität von Cannabis darauf nicht mehr zurückgreifen wollten oder konnten.

Bei Jugendlichen, die auffällig viel konsumieren, sollte man genau hinschauen und nachfragen, ob Kiffen nur eine Flucht ist, oder ob eine förderliche Wirkung durch den Konsum auftritt. Erwachsene ADHS-Patienten berichten davon, mit Cannabis erst Schule und Ausbildung geschafft zu haben.

 

Stimmt es, dass THC vor der Pubertät keine psychoaktive Wirkung hat?

Das Endocannabinoidsystem scheint sich erst zu entwickeln, das heißt, bei Kindern wurde eine geringere Rezeptorendichte gefunden. Das Verhalten krebserkrankter Kinder, die mit THC behandelt wurden, änderte sich nicht. Hingegen ist ein Teenager sogar empfänglicher für die Rauschwirkung. Da kann ich nur auf die fehlenden Studien hinweisen. Ich denke dennoch, dass die Nebenwirkungen in Relation zur Wirkung wahrgenommen werden.

 

Kann es sein, dass Frauen grundsätzlich anders auf THC reagieren als Männer?

Das ist eine gute und spannende Frage. Ich kann mir vorstellen, dass es Unterschiede gibt, die man jetzt schon epidemiologisch erheben könnte. Wenn man in Studien Frauen und Männer getrennt auf die Wirkweisen untersuchen würde, wäre das ein progressives Vorgehen in der Pharmakologie, das geschieht so nicht.

 

Beschreiben Sie doch mal, wie ein typisches Erstgespräch eines potenziellen Cannabispatienten abläuft.

Es gibt zwei Gruppen von Patienten: Die einen wissen schon, dass es ihnen hilft, die anderen haben keinerlei Erfahrung. Mit der Gesetzesänderung kann man vielen Patienten mit einer langen Krankengeschichte, die Cannabis bereits nutzen, in die Legalität verhelfen. Ihre Fragen kreisen vornehmlich um die Kosten und die Folgen für Beruf und Straßenverkehr. Diejenigen, die erstmalig THC – bislang in Form öliger Tropfen oder Spray – einnehmen, befürchten eine Einschränkung ihrer Alltagstauglichkeit. Durch einschleichende Dosierung kann die individuelle Menge gut festgestellt werden, sodass sich das Gehirn an die Wirkung anpasst. Die meisten Patienten berichten, dass nach einer Gewöhnungszeit die Symptomlinderung zuerst eintritt, ein Rauschgefühl wird so weitgehend bis vollständig vermieden. Die Gefahr der Abhängigkeitsentwicklung ist bei Patienten gering und im Vergleich zu Opiaten gibt es keine relevanten Entzugserscheinungen.

 

Wann raten Sie Patienten von einer THC-Gabe ab?

Man muss die Ersteinnahme von der medizinischen und somit bekannten Einnahme unterscheiden. Von der Ersteinnahme abraten muss man dann, wenn zum Beispiel eine so schwere Herzerkrankungen vorliegt, dass die Frequenzzunahme durch THC gefährlich werden könnte. Auch Menschen, die eine akute psychosenahe Erkrankung haben, sollten kein THC zu sich nehmen. Ansonsten liegt es sehr im Ermessen von Arzt (etwaige Wechselwirkungen) und Patient, THC auszuprobieren, denn die Wirkung vergeht innerhalb von Stunden und die Behandlung kann jederzeit abgebrochen werden.

 

Kritiker sagen, THC beeinträchtigt zum Beispiel das Kurzzeitgedächtnis. Gilt das immer nur für den Zustand des Rausches oder kann sich das als chronisches Problem entwickeln?

An dieser Stelle möchte ich auf die fehlende Studienlage hierzu hinweisen. Die bisherigen Erkenntnisse basieren auf der Bewertung des Konsums THC-reicher Sorten in unbekannter Konzentration. Hier konnte neben der akuten auch eine längerfristige Einschränkung von Funktionen beobachtet werden, die das Kurzzeitgedächtnis betreffen. Allerdings sind diese Veränderungen auch reversibel. Ein anderer Aspekt ist, dass das Kurzzeitgedächtnis durch Erkrankungen beeinträchtigt sein kann, die mit Cannabis behandelbar sind. Es gibt zum Beispiel eine depressive „Pseudodemenz“, die sich durch die Gabe von Cannabis mit der Linderung der Depression ebenfalls bessert. Es ist in der Medizin immer schwierig, direkte Zusammenhänge herzustellen.

 

Welchen Nebenwirkungen begegnen sie häufiger?

Die bereits genannten, aktivierenden Eigenschaften von Cannabis machen zunächst die größte Sorge, vor allem ängstlichen Menschen. Herzrasen und innere Unruhe zu Beginn der Einnahme werden unterschiedlich bewertet. Manche Patienten können von THC schlecht schlafen, andere wiederum sehr gut. Cannabidiol (CBD) scheint in hohen Dosen den Antrieb zu mindern, einige beklagen auch eine Schwächung der Muskulatur. Die allermeisten Nebenwirkungen lassen mit der fortgesetzten Einnahme oder einer Reduktion der Dosis nach.

 

Warum fand Forschung zu Cannabis in den letzten Jahrzehnten kaum statt, obwohl es vielversprechende medizinische Erkenntnisse gab?

Es fehlte vermutlich an Bereitschaft und Einsehen, diese Pflanze ohne Vorurteile zu betrachten. Zudem war es nicht möglich, Cannabis in Studien zu untersuchen, solange es als Substanz juristisch im gleichen Atemzug mit synthetischen Designerdrogen genannt werden musste.

Somit ist es nun erst möglich, sich das Potenzial anzuschauen. Ich finde das sehr spannend, und für mich ist die Akzeptanz von Cannabis als Medizin gleichbedeutend mit der Eröffnung eines pharmakologischen Paralleluniversums – das sieht aber nicht jeder so.

 

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Autorin: Eva Milz/ Bildquelle: unsplash . yury-orlov

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