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Wie wirkt sich das neue Gesetz auf uns alle aus?

Medizin

Autor: Michael Knodt

Seit Anfang März ist der Besitz von Cannabisblüten legal, so lange diese vom Arzt verschrieben und in der Apotheke erworben wurden. Das hilft Patienten, wirft andererseits Fragen bei denen auf, die Cannabis aus nicht-medizinischen Gründen konsumieren.

Kann ich jetzt kiffen und einfach sagen, es sei medizinisches Gras?

Im Prinzip schon, allerdings wird das nicht vor den üblichen Strafverfolgungsmaßnahmen schützen. Lange Zeit war unklar, wie der medizinische Cannabiskonsum in der Öffentlichkeit gehandhabt wird. Doch nachdem Cannabis-Patient Pino W. während eines Interviews in Berlin festgenommen und seine Medizin beschlagnahmt und vernichtet wurde, hat die Polizei auf öffentlichen Druck hin eine Dienstanweisung herausgegeben, die im Wortlaut ähnlich mittlerweile in vielen Bundesländer verschickt wurde. Demnach ist die Polizei weiterhin angehalten, den Status der Konsumierenden genau zu überprüfen. Patienten müssen jetzt statt der Ausnahmegenehmigung immer die Kopie ihres Rezepts mitführen und sollten ihre Medizin in der Originalverpackung lassen. Letzteres ist allerdings keine Auflage, erspart aber unnötige Nachfragen.
Darüber hinaus wird keine konkrete Festlegung über die Art der Anwendung des Cannabis getroffen. Es erfolgt seitens des Bundesinstituts für Arznei- und Medizinprodukte (BfArM) somit auch keine Einschränkung hinsichtlich der Örtlichkeit – wie beispielsweise eine Festlegung auf die Wohnung oder gar ein bestimmtes Zimmer des Patienten, wo die Medizin geraucht, vaporisiert oder gegessen werden darf, da es sich um eine erlaubte, medizinisch notwendige Maßnahme handelt. Es wird seitens des BfArM jedoch eine diskrete, nicht provozierende Anwendung von Medizinal-Hanfblüten durch den Patienten erwartet. Bei Meldung an das BfArM wegen unerwünschter indiskreter Anwendung von Medizinal-Hanfblüten eines Patienten erfolgt von dort im Einzelfall eine schriftliche Aufforderung zur Unterlassung.

Anmerkung: Ich bin selbst Cannabispatient und konsumiere grundsätzlich nur dort, wo man auch Zigaretten rauchen darf. An solchen Orten kann ich mir sicher sein, dass hier der Gesetzgeber den Jugendschutz gewährleistet. Jugend- und Nichtraucherschutz sind die beiden Aspekte, die Cannabispatienten grundsätzlich beachten sollten.
Wer einfach nur sagt, er sei Patient oder sich auf die gelb-weiße Dose beruft, die es leer mittlerweile selbst bei eBay zu kaufen gibt, hat weiterhin schlechte Karten. Die Dosen aus der Apotheke, die auch bei Freizeitkonsumenten beliebt sind, führen dann gleich zur nächsten Frage:

Kann die Polizei medizinisches von Schwarzmarktgras unterscheiden?

Nein, es sei denn, dort arbeitet ein „Cannaseur“, der sich mit den Terpenprofilen einzelner Sorten auskennt und diese erschnüffeln kann. Medizinisches Cannabis ist weder gemarkert noch unterscheidet es sich äußerlich oder im durchschnittlichen Wirkstoffgehalt von dem, was der Schwarzmarkt bietet. Im Falle des mittlerweile verstorbenen Cannabispatienten Robert Strauss hatte ein Staatsanwalt sogar großspurig behauptet, man könne feststellen, ob das in Strauss‘ Dosen beschlagnahmte Cannabis wirklich aus der Apotheke stamme, um die unrechtmäßige Hausdurchsuchung posthum zu rechtfertigen. Doch das ging nicht. So konnte im Fall von Robert Strauss bis heute nicht festgestellt werden, ob die paar Gramm medizinisches Cannabis, die laut Polizeiangaben vom Schwarzmarkt kamen, aus Apothekenbeständen oder illegalen Quellen stammten.
Natürlich kann es sein, dass demnächst eine optische und olfaktorische Schulung der Beamten stattfindet. Dort könnten sie lernen, dass ein „Jack Herer“ (Apotheke/Bedrocan) anders riecht als „Super Skunk“, das aus heimischen Beständen stammt. Aber ein „Jack Herer“ vom Schwarzmarkt oder aus der eigenen Homebox riecht, schmeckt und wirkt genau wie die Apothekenvariante von Bedrocan.
Auch die Größe und Beschaffenheit der Blüten könnte Bestandteil so einer Schulung sein. Denn die Hersteller achten, anders als Dealer oder Grower, auf eine optisch perfekte Verarbeitung, einen sehr geringen Stängelanteil und zerschneiden die großen Topbuds (die obersten Blüten) vor dem Verpacken.

Kann ich zum Arzt gehen und mir gegen jedes Zipperlein Gras verschreiben lassen?

Nein. Wegen eines Wehwehchens wird kein Arzt Cannabis verschreiben. Erstens muss der behandelnde Arzt überzeugt sein, dass der Einsatz von Cannabis im Vergleich zu anderen Therapien die individuell sinnvollere Lösung ist. Zweitens schadet das denen, die Cannabis wirklich medizinisch nutzen. Ob es zukünftig mehr Missbrauch geben wird, weiß bislang noch kein Mensch. Fest steht nur, dass das alte Gesetz aufgrund der zahlreichen Hürden bis zur Erlangung der Ausnahmegenehmigung vielen den Zugang zu medizinischem Cannabis verwehrt hat, um ein paar wenige am Missbrauch zu hindern. Jetzt, da es für viele Bedürftige einfacher ist, Cannabis zu bekommen, wird es sicherlich auch Missbrauch geben. Den gibt es bei vielen Medikamenten. Aber denken wir immer daran, dass am Cannabismissbrauch noch niemand gestorben ist. Durch falsch verordnete Arzneien und den Missbrauch von Medikamenten sterben jährlich 58.000 Menschen, 1,9 Millionen sind Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen zufolge medikamentenabhängig. Doch selbst die problematischen und gefährlichsten Substanzen sind weiterhin mit einem normalen oder einem Betäubungsmittelrezept zu haben. Deshalb kann selbst die Gefahr des Missbrauchs kein Argument sein, den Status von Cannabisblüten als verordnungsfähiges Medikament in Frage zu stellen.

Kalifornien vs. Bayern

Außerdem versetze man sich kurz in einen Hanfliebhaber aus Bayern oder Baden-Württemberg. Dort werden Cannabiskonsumenten heute noch verfolgt, des Führerscheins beraubt, gesellschaftlich geächtet und stigmatisiert. Die Gefahr sogenannter Scheinpatienten wird es geben, bis man für ein bisschen Gras nicht mehr jahrelang zur Rechenschaft gezogen werden kann und/oder trotz Einhaltung des Nüchternheitsgebots auf den Führerschein verzichten muss, weil man einen Tag vor der Verkehrskontrolle mal am Joint gezogen hat.
Das 21 Jahre alte medizinische Cannabisprogramm in Kalifornien konnte nicht mehr vor Missbrauch geschützt werden, ohne Cannabis auch für den Freizeitkonsum zu regulieren. Mit Cannabis wurde dort bereits Ende des letzten Jahrzehnts, acht Jahre vor der Legalisierung, mehr Umsatz gemacht als mit jedem anderen Agrarprodukt.
Wenn riesige Umsätze fast zwanzig Jahre lang eine sehr wackelige gesetzliche Grundlage haben, entsteht schnell eine schlecht zu kontrollierende Grauzone. Jetzt können Grower in Kalifornien legal anbauen und auch die Fachgeschäfte dürfen weiter verkaufen, ohne wie in den vergangenen 20 Jahren möglichst viele und große Anbaulizenzen von Patienten einsammeln zu müssen, um das überschüssige Gras dann wiederum an Hanfapotheken zu verkaufen. Um es auf einen einfachen Nenner zu bringen: Wer mit einem Tütchen Gras im Rucksack keine Angst mehr um den Führerschein oder vor Strafverfolgung hat, lügt seinen Arzt nicht an. In Kalifornien hat sich wenig nach der Legalisierung geändert, Gras gibt es nach wie vor an jeder Ecke. Nur muss man nicht mehr um den heißen Brei herumreden. Außerdem profitieren alle Seiten von einem hohen Gut, von dem Cannabiskonsumierende hier noch träumen: die Rechtssicherheit.

Was ändert sich für Kiffer?

Rechtlich gar nichts, aber die Diskussion und Bilder von kiffenden Patienten werden die verbotene Pflanze entstigmatisieren. Man wird öffentlich über Fakten diskutieren, die bislang niemanden interessiert haben, und mit steigender Zahl von Patienten wird Cannabis immer normaler werden.
Doch um wirklich etwas im Sinne der Konsumenten zu erreichen, müssen die selbst was tun. Denn auch den Patienten, denen das neue Gesetz gilt, ist das nicht in den Schoß gefallen. Sie haben es sich erkämpft.

 

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