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Das Verhältnis zwischen Patient und Arzt – Reden ist Gold wert

Medizin

Autor: Dr. Eva Milz

So mancher Patient stößt in seiner Hausarztpraxis bei der Frage nach Cannabis als Medizin auf große Augen. Wie Ärzte und Patienten auf einen grünen Zweig kommen, beschreibt Dr. Eva Milz. Die Berliner Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie kämpft für die Pflanze und weiß, wo es auf dem Weg zum Rezept noch hakt.

Mit der Freigabe von Cannabis als verschreibungsfähiges Medikament wird die Kommunikation zwischen Patienten und Ärzten auf eine harte Probe gestellt. In der medizinischen Ausbildung spielt Cannabis derzeit als Medikament keine Rolle. Der Konsum wird lediglich als eine Diagnose im Rahmen eines Substanzkonsums wie auch Alkohol, Beruhigungsmittel oder chemische Drogen behandelt. Einige Ärzte haben zwar schon vom medizinischen Einsatz gehört, verbinden diesen aber nur mit multipler Sklerose oder Schmerzzuständen. Selbst die Zulassung von THC als Öl für die Behandlung der Übelkeit und Abmagerungserscheinungen in Rahmen einer Chemotherapie oder bei HIV-Erkrankung kennen leider nur wenige Behandler. Die Haltung der meisten Ärzte gegenüber Cannabis als Medizin ist daher skeptisch.

Misstrauen auf beiden Seiten

Ein Dilemma ergibt sich auch daraus, dass Patienten, die bereits Erfahrung gemacht haben, dies nur in einem illegalen Rahmen tun konnten. Viele trauen sich jedoch nicht, ihrem Arzt davon zu berichten. Sie haben Angst, er könnte den Konsum als Suchtproblem oder Straftat bewerten, was durchaus auch der Fall ist. Wenn der Patient hingegen keine Erfahrung hat, scheut sich der Arzt, dieses neue Betäubungsmittel erstmalig einzusetzen und den Patienten dadurch „abhängig“ zu machen. Eine Auflösung dieser Zwickmühle ist erst möglich, wenn die Vorbehalte gegenüber der Pflanze abgebaut werden. Hierbei ist auch wichtig, dass der erfahrene Patient seine Cannabiseinnahme nicht verharmlost.

 

Patienten haben Angst, der Arzt könnte den Konsum als Straftat bewerten.

 

Ich erlebe es häufig, dass im Rahmen eines Beratungstermins die Vorteile der „pflanzlichen und somit natürlichen“ Medikation gegenüber den „künstlichen und chemischen“ Präparaten nicht nur betont, sondern geradezu verherrlicht werden. Das wird der Substanz THC ebenso wenig gerecht und sollte in einem Gespräch mit einem Arzt, der unerfahren mit Cannabis ist, vermieden werden.
Es gibt derzeit ein großes Informationsgefälle zuungunsten der Ärzte. Der Arzt, der sich normalerweise anhand der Wirkmechanismen der Medikamente orientiert, kann die Cannabiserfahrungen seiner Patienten (noch) nicht einordnen und bezieht sie im Zweifel auf die Rauschwirkung. Daher ist die Aussage „Mir geht es mit Cannabis sehr viel besser“ kein ausreichender Grund für eine Verordnung. Es ist hilfreich, wenn sich Arzt und Patient gemeinsam anschauen, welche Symptome durch Cannabis gebessert wurden, die mit herkömmlichen Medikamenten nicht beeinflusst werden konnten oder mit zu vielen Nebenwirkungen verbunden waren. Wenn der Patient signalisiert, dass er sich der Vor- und Nachteile der Behandlung mit einem Betäubungsmittel bewusst ist und die Unterschiede zur bisherigen Medikationen offenkundig werden, schafft das Vertrauen.
An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass es auf beiden Seiten ungünstige Haltungen gibt, die den Einsatz von Cannabis in der Medizin bremsen. Ärzte, für die Cannabis ausschließlich ein „Rauschgift“ ist, ignorieren die wissenschaftliche Forschung zum Endocannabinoidsystem. Patienten, für die es eine harmlose Pflanze ist, die jeder überall anbauen sollen dürfte, setzen sich nicht mit den Gefahren eines Betäubungsmittels in der Öffentlichkeit auseinander. Schlimmstenfalls prallen diese beiden Einstellungen in einem ärztlichen Gespräch aufeinander.

Schulung und Entstigmatisierung

Der Schlüssel zu einer Verordnung von Cannabisblüten und -extrakten ist eine sachliche Auseinandersetzung mit der Erkrankung und deren bisheriger Behandlung. Ich erlebe es immer wieder, dass Patienten seit 10 oder 20 Jahren Cannabis für sich nutzen und zum Teil auch deswegen keinerlei Arztbesuche aufweisen können. Was eigentlich erfreulich sein sollte, wird zum Problem. Als Arzt darf ich nach einem leichten Kopfschmerzmittel nicht sofort Cannabis einsetzen. Um für nahezu unvorbehandelte Patienten das zu ermöglichen, ist zunächst der Einsatz von Medikamenten, die hierfür empfohlen werden, erforderlich. Dass dieses Vorgehen vielen nicht einleuchtet und sie verärgert, ist nachvollziehbar. Es ist aber schon ein erheblicher Fortschritt, dass nicht mehr an dem Begriff „austherapiert“ festgehalten wird, sondern Arzt und Patient entscheiden dürfen, ob der Weg der konventionellen Medikation verlassen und ein Therapieversuch mit Cannabis unabhängig von der vorliegenden Erkrankung gemacht werden soll. Im Klartext: Cannabis ist nicht das erste einsetzbare Medikament, aber man muss nicht den Kopf unter dem Arm tragen, um es ausprobieren zu dürfen.

Es gibt noch keine Weiterbildungen zu Cannabis als Medizin.

In meine Praxis kommen zahlreiche Patienten, die zum Teil über Jahrzehnte hinweg eine Unzahl an Medikamenten mit zweifelhafter Wirkung eingenommen haben und eine Odyssee an Arztbesuchen hinter sich haben. Hier könnte man Cannabis einsetzen, der Arzt weigert sich aber oder kennt diese Behandlungsoptionen gar nicht. Leider ist dieser Umstand schwieriger zu beheben, da es noch keine speziellen Weiterbildungen zu Cannabis als Medizin gibt. Es hängt im Wesentlichen von der Motivation und Weiterbildungsbereitschaft des Arztes ab, eine verpflichtende Schulung gibt es leider nicht.
Zum jetzigen Zeitpunkt empfehle ich anfragenden Patienten, ihren Arzt auf die Behandlungsoption Cannabis anzusprechen und dabei auf das neue Gesetz zu verweisen. Werden sie daraufhin der Praxis verwiesen, sollten sie das nicht persönlich nehmen – auch wenn das schwerfallen dürfte. Kann sich der Arzt auf eine Verordnung einlassen, sollte unbedingt die Krankenkasse um Kostenübernahme gebeten werden, bevor das erste Rezept ausgestellt wird. Hierzu haben viele Krankenkassen bereits ein Formular erstellt, welches der behandelnde Arzt ausfüllen muss. Mit einer garantierten Kostenübernahme ist für den Vertragsarzt (Arzt mit Behandlungsauftrag der Kassenärztlichen Vereinigung im Gegensatz zu einem Privatarzt) die Gefahr geringer, später in Regress genommen zu werden. In dem Fall müsste der Arzt die Cannabisblüten rückwirkend für den Patienten bezahlen. Wenn es die finanziellen Möglichkeiten des Patienten erlauben, kann der Arzt auf dem BTM-Rezept den Hinweis „privat“ vermerken. Somit können Cannabisprodukte auf eigene Kosten in der Apotheke erworben werden.
Im Zuge der neuen Gesetzgebung kommt der Schulung von Ärzten eine besondere Bedeutung zu, wichtiger scheint mir derzeit aber die Entstigmatisierung der Pflanze als Droge und Anerkennung als Heilmittel in der Gesellschaft zu sein.

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