in.fused Magazin - Späte Bekanntschaft
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Späte Bekanntschaft

Cannabis im Alter

Medizin

Anna Pasdzierny

Alex J. mag den Rausch, Susanne M. kämpft gegen ihn an. Aber für beide ist Cannabis ein wichtiger Teil ihres Lebens geworden – sogar mehr noch, es erhält sie am Leben. Sie sind jenseits der 60 und haben auf ihrem Weg so manche Turbulenz durchgestanden.

Unter normalen Umständen wäre Susanne Müller* (64) nie mit Cannabis in Berührung gekommen. Die gebürtige Schwäbin hat ihren Respekt vor der Pflanze auch noch nicht abgelegt – aber die Wirkung überzeugt sie wie keines der Medikamente, die sie jemals nehmen musste.
Ihre Geschichte ist eine Odyssee durch die Arzneimittelschränke über Jahrzehnte. Im Rahmen des Antrags auf die Ausnahmegenehmigung wurde ihr das noch einmal vor Augen geführt: „Ich musste dokumentieren, was ich im Laufe meines Lebens alles eingenommen habe mit welchen Wirkungen. Da sitzt man Tage, um das zu machen. Und hat am Schluss ein kleines Dossier“, sagt Müller und lacht bitter. Die gelernte Krankenschwester und studierte Pflegepädagogin hat eine resolut-distinguierte Art, die Respekt einflößt – sie wirkt zart, aber zäh.

Falsche Diagnosen in den 70ern

Die Symptome, unter denen sie, seit sie denken kann, leidet, sind Folgen einer schweren posttraumatischen Störung und einer Kinderlähmung. Über ersteres kommt sie noch immer beim Sprechen ins Stocken. „In den 70er Jahren wusste man darüber so gut wie nichts über PTB und hat alle möglichen anderen Diagnosen bekommen“, beschreibt sie. Erst durch Behandlungen in Spezialkliniken erfuhr sie, was all die Jahre lang mit ihr los war – „wofür ich keine Erklärung und kein Bild hatte“, sagt Müller ohne ins Detail zu gehen. Ein jahrelang geführter, letztendlich erfolgreicher Opferentschädigungsprozess gab ihr Selbstbewusstsein, verschonte sie aber nicht vor der Einnahme von Psychopharmaka und gegen das Schmerzsyndrom hochdosierte Schmerzmittel. Mit 35 Jahren hatte sie angefangen, nach Alternativen zu forschen. „Ich war lange mit einem Arzt verheiratet, der streng schulmedizinisch war, verheiratet. Das hat es vorher nicht zugelassen“, erklärt sie.

„Wir haben beschlossen, wir wollen wieder clean werden“

Ende 20 hatte Axel Junker (64) schon mehrere Gefängnisaufenthalte im Zusammenhang mit Drogen hinter sich. „Es war eigentlich die klassische Drogenkarriere. Ich habe in den 70er Jahren szenebedingt angefangen, Haschisch zu rauchen. Und dann kam LSD hinzu“, erzählt er. Beim reinen Konsum blieb es aber nicht – Axel dealte mit LSD und schließlich auch mit harten Drogen. „Irgendwann flutete Heroin Deutschland – und da habe ich zugegriffen“, beschreibt er einen scheinbar arglosen Schritt, der ihn in die schwere Abhängigkeit brachte. Über den Verkauf von Heroin finanzierte er seine Sucht.
Das alles fand in Saarbrücken statt. Hierher war Junker Ende der 50er geraten, weil sein Vater als Zollbeamter dorthin befördert wurde, um nach der wirtschaftlichen Angliederung an die Bundesrepublik das Zollsystem mitaufzubauen.

Herointod des Bruders

Nach seinen Drogen- und Gefängniserfahrungen hier entschied sich Junker, wieder in den Norden zu gehen, dorthin, wo er geboren wurde – eine wichtige Entscheidung: „Mit meinem Weggang aus dem Saarland kam der Wendepunkt“, sagt er.
Mit ein paar Kumpels, die mitzogen, gründete er eine WG, die durch eine fortschrittliche Bewährungshilfe begleitet wurde. „Wir haben alle beschlossen, wir wollen wieder clean werden und wieder in ein normales Leben einsteigen“, beschreibt er und resümiert, „die Jungs aus der WG haben das auch alle geschafft – einige sind inzwischen aber schon verstorben“. Eine bedeutsame Rolle spielte auch der Herointod seines Bruders, sagt er: „Ich habe meiner Mutter das Versprechen gegeben, ich werde nicht so enden wie er“.

Von Patienten wird viel verlangt

Axel hat sich auf die Behörden irgendwann nicht mehr eingelassen – vielleicht aus seiner Vorgeschichte heraus. Was aber nicht heißen soll, dass er still und heimlich agiert: Mit einer Selbstanzeige und einem damit verbundenen Happening 2006 auf Sylt, bei dem er unter anderem eine Hanfpflanze in den Polizeigarten zu graben versuchte, wollte er auf einen Missstand hinweisen: Dass er nicht legal sein medizinisch genutztes Cannabis anbauen durfte.
Das darf er immer noch nicht, schert sich aber wenig darum. Wenn andere eine Ausnahmegenehmigung oder fundierte Infos über medizinisches Cannabis brauchen, dann hilft er ehrenamtlich. Für sich selbst hat er entschieden: „Ich muss mich nervlich nicht kaputtmachen. Menschenrecht geht eigentlich über das, was da von Patienten verlangt wird“.

Methadon mit Cannabis ausschleichen

Axel setzt Cannabis vielfältig ein – er behandelt seine Schmerzen, die u.a. von einem schlecht operierten Bandscheibenvorfall stammen. Cannabis ist für ihn aber auch ein wichtiger Ersatz für „andere wirksame Stoffe, die physisches oder psychisches Leid lindern“, beschreibt er sein gelegentliches Verlangen nach harten Drogen. Nach langem Kokain- und Heroingebrauch wurde er zunächst mit Methadon substituiert. „Vor etwa sechs Jahren habe ich angefangen, mich runterzudosieren und gleichzeitig das, was ich weniger an Methadon genommen habe, mit Cannabis aufzufangen“, erklärt der 64-Jährige. Jetzt konsumiert er etwas unter einem Gramm täglich – per Vaporizer oder in Form von Brownies –, manchmal gelingt es ihm auch, einige Tage lang zu verzichten, wenn nötig.

„Au ja, wir probieren mal Cannabis“

„Ich glaube, dass fast alle Menschen, die in meiner Situation sind, auch depressiv sind“, sagt Susanne M., die außer Schmerzen auch degenerative Veränderungen durch immer wiederkehrende Stürze hat. Gerade war ein Bruch verheilt, da stürzte sie wieder. „Es kommt immer noch mal was. Das wird begleitet von schweren Depressionen und dem Wunsch, das Leben zu beenden“, beschreibt sie.
„Dann habe ich angefangen zu recherchieren, darin bin ich gut“, sagt sie nicht ohne Stolz. Über den Hanfverband bekam sie Tipps und probeweise Gras. „Da hat man die Sicherheit, dass man einen absolut sauberen Stoff bekommt“ – der Satz klingt aus dem Mund einer vornehmen Frau beinahe befremdlich. Sie fühlte sich wie 17, als sie mit ihrem Mann gemeinsam Kekse herstellte: „Au ja, wir probieren mal Cannabis, dachten wir. Aber wir haben völlig überdosiert“, lacht sie über den typischen Fehler, den viele machen, wenn sie sich wundern, dass keine Wirkung eintritt. Die war im Fall von Susanne und ihrem Mann schließlich „sehr, sehr halluzinatorisch“, wie sie sagt, „auch sehr beunruhigend“. Aber dann trat etwas ein, woran Susanne nicht mehr geglaubt hatte: „Ich habe dann irgendwann in der Nacht angefangen zu schlafen und hab ganz tief und fest geschlafen und bin morgens um zehn Uhr sehr erfrischt und entspannt aufgewacht. Und ich hatte den ganzen Tag praktisch keine Schmerzen, das hielt noch den ganzen nächsten Tag an.“

„Sylt sucht Taxifahrer“

Axel hat es Ende der 90er nach Sylt verschlagen. Das nennt er Glück, denn hier gibt es seiner Meinung nach nicht viel Gelegenheit, an Drogen zu kommen. Wie es dazu kam? Der gelernte Tischler wurde Ende der damals arbeitslos, „ dann habe ich jeden Tag im Arbeitsamt in den Computer geguckt. Und da stand dann: Sylt sucht Taxifahrer, Unterkunft wird geboten“, erinnert er sich.

„Da bin ich sofort genommen worden, bin hier gelandet, und das war die beste Entscheidung meines Lebens, weil ich sonst möglicherweise nicht mehr am Leben wäre, sag ich mal so“, meint der immer jugendlich gekleidete Junker. Haar und Schnäuzer sind ergraut, aber alt wirkt er kein bisschen. Inzwischen arbeitet er nicht mehr als Taxidisponent, sondern will demnächst wieder handwerklich tätig werden und in einer Holzwerkstatt alte Möbel aufarbeiten – irgendwann wünscht er sich, auch wieder Zeit für sein Hobby, die Holzbildhauerei, zu haben. Dringlicher empfindet er gerade aber seine Mitarbeit im Selbsthilfenetzwerk Cannabis-Medizin SCM und die ehrenamtliche Unterstützung von Flüchtlingen bei Ämtergängen.

Vorteile gegenüber der jüngeren Generation

„Ich bin auch Amateurmusiker“, fügt er nach, „und gehe seit Jahren in die Musikschule zum Trommelunterricht“. Aber wer denkt, der frühere Haudrauf würde die Nachbarn provozieren, der irrt: „mit Kopfhörern, da störe ich niemanden“.
Sein 36-jähriger Sohn hat ihn vor sieben Jahren zum Opa gemacht. Ein Opa, für den man sich nicht schämen muss, denn der hat sein Leben im Griff. „Das ist der Unterschied, wenn man sich outet, wenn man schon relativ gestanden ist: Als Senior habe ich den Vorteil gegenüber einem 18-Jährigen, dass ich gut begründen kann, was ich tue. Aber ich brauche ja auch niemandem was vorzutragen, um eine Genehmigung zu bekommen“, sagt der mit der unbekannten Cannabisquelle, „Ich weiß, dass es für mich funktioniert und das ist mein Credo“.

„In Berlin wird wahnsinnig viel angebaut“

Susanne M. ist noch auf der Suche nach der richtigen Dosierung und Sorte. Sie hofft, dass es irgendwann einmal möglich sein wird, Wirkung ohne Rausch zu bekommen. Denn im Moment hält sie sich mit Medikamenten bis nachmittags über Wasser, um dann mit dem Cannabis anzufangen. „Wenn ich morgens berauscht bin, ist es mir manchmal so schwindelig, dass ich gar nichts mehr machen kann“, beklagt sie sich. Verstärkt wird das Phänomen noch durch die vestibuläre Migräne. Also vaporisiert sie mittags und nimmt zum Schlafengehen einen Keks, manchmal in der Nacht noch einen weiteren Bissen. M. ist aber längst nicht dort, wo sie laut Ärztin hinmüsste: Statt der empfohlenen 60 Gramm pro Monat ackert sie sich durch 15 Gramm. Und für den Fall der Fälle hat sie immer eine Tavor im Schrank – ein Medikament, das den Rausch zurücknimmt. „Was ich auch rausgefunden habe, ist, dass ich mit einem reinen CBD-Öl gegensteuern kann. Nur der Rausch wird relativiert, nicht die Wirkung. Das muss man aber auch selbst bezahlen. Und gutes CBD ist teuer: 10 Milliliter kosten 40 Euro. Das ist richtig viel Geld“, findet sie.

Am liebsten selbst gärtnern

Susanne M. testet sich also noch durch die Sorten und hofft, dass irgendwann eine entwickelt wird, die sie nicht so stark berauscht. Sie ist auch noch nicht an dem Punkt, dass der Rausch entfällt: „Darauf hoffe und warte ich, dass irgendwann nur noch die Wirkung einsetzt“, sagt sie, „aber bis man ein System aufgebaut hat, die einzelnen Stoffe extrahiert und auf Wirkung testet, so lange werden wir auf Selbstversuche angewiesen sein“. Eine Anbaugenehmigung hat sie nicht, könnte sich aber gut vorstellen, selbst zu gärtnern – „in Berlin wird wahnsinnig viel angebaut, auch in einer sehr guten Qualität“, kommt sie ins Schwärmen, „wenn man gute Leute hat, kriegt man fantastisches Cannabis“. Susanne lacht, weil sie trotz ihrer Hassliebe zur Pflanze eine Faszination empfindet. Dann erklärt sie: „Manchmal ist es witzig, aber meistens ist es anstrengend“.

Warum erst jetzt?

Dass Susanne M. keine Psychopharmaka mehr braucht, erwähnt sie nur am Rande. Sie redet auch nicht so gern darüber. Vielleicht weil es ihr wie eine Parallelwelt erschien. „Ich wollte nicht mehr unter einer Glocke sein“, beschreibt Susanne den Zustand, „Die meisten merken gar nicht, wie anders ihre Persönlichkeit ist. Und die Ärzte haben oft gar kein Bewusstsein dafür, was das im Menschen macht. Am schlimmsten finde ich, dass die Fähigkeit zum Mitschwingen zurückgeht“. Dass der Schlaf gefördert wird durch den Cannabiskonsum, darüber berichten beide – ein Fundament für eine gesunde Psyche. Und die veränderte Wahrnehmung des Schmerzes hat sie stabilisiert. „Ich probiere jetzt Sachen aus, die man normalerweise mit 20 macht“, sagt Susanne, „und ich bin 64“. Axel scheint Cannabis ins Lot gebracht zu haben, nachdem er sich durch alle denkbaren Drogen durchgetestet hatte. Für ihn steht fest, dass erst ein gewisses Alter ihm die Augen für den gesundheitlichen Aspekt von Cannabis öffnen konnte. Susanne hätte in einer cannabisfreundlicheren Gesellschaft vielleicht schon früher echte Hilfe durch die Pflanze erleben können. Sie fühlt trotz allem Dankbarkeit – auch ihren Ärzten gegenüber.

Stigmatisierung unwichtig

Die Stigmatisierung, von der jüngere Patienten oft sprechen, spielt bei Axel und Suanne M. weniger einer Rolle. Für beide überwiegen die Vorteile, die Ruhe, die eingekehrt ist – körperlich und mental – unabhängig davon, was die Öffentlichkeit denkt. Ein Grund ist sicher, dass sie sich nicht rechtfertigen müssen gegenüber Kollegen oder aufpassen wegen eigener kleiner Kinder.
Susanne freut sich, feststellen zu können, dass die Gesellschaft offener wird. Sie erwähnt die Altenheime in Israel, die Cannabis in den Pudding mischen, auf den sich alle Bewohner freuen, und die arthritische „Tante Ente“ aus der Fernsehserie „Mord mit Aussicht“, der es dank Cannabis plötzlich wunderbar geht – „Das ist natürlich auch idealisiert. Aber ich finde, dass Cannabis auch ein bisschen ankommt in der Bevölkerung“, meint sie.
Axel ist es eh schnurz, was die anderen über ihn denken. Nicht aber über die Pflanze – und dafür kämpft er – nach wie vor.

*Name von der Red. geändert

 

Dieser Artikel ist eine gekürzte Fassung des Originaltexts aus der Printausgabe vom Mai 2017.

Bildquelle: infused -sens media – jeremy-gallman – unsplash

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