in.fused Kolumne Zita
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Grasgespräche • Mit Proktologen an der Bar

Kolumne

Zita Cumberland

Manchmal gehen bei mir der Drang nach einem Drink und miese Stimmung Hand in Hand. Damit ich niemand Nettes vergraule, gehe ich allein in meine fußläufig zu erreichende Bar. Auf dem Weg dahin höre ich den passenden düsteren Soundtrack und rauche eine Zigarette. Die ist immer erst zur Hälfte abgebrannt, wenn ich an die gläserne Art-Déco-Bartür klopfe – denn Frank, der Besitzer, schließt neuerdings ab, weil ein paar Male Gestalten aufgetaucht sind, die noch finsterer gestimmt waren als ich. Die wollten dann auch keine Drinks, sondern Franks Einnahmen.

Als Frank mich reinlässt, ist er allein – und obwohl er sich die Zigarillos abgewöhnt hat, muss ich mich durch Nebelschwaden zum Tresen vortasten. Ah, doch, da sitzt schon einer über Eck. Ein gutes Opfer für meine heutige Provokationslust: ein vor Aufmerksamkeitsdefizit strotzender kleingewachsener Endvierziger mit viel zu großer Brille und viel zu weißen Zähnen. Irgendwas an dieser Brille funkelt. Keine Frage, das ist ein teures Gestell. Ich lasse mich mit einigem Sicherheitsabstand auf einem Barhocker nieder und beobachte ihn unauffällig aus zusammengekniffenen Augen. Der Typ lässt im Gespräch mit Frank so oft wie möglich medizinische Fachbegriffe fallen (klingt nach Proktologie), dabei schwillt seine Brust mehr und mehr. Nein, ich werde ihn nicht fragen, ob er zufällig Arzt ist.
Es klopft und Frank stiefelt zur Tür, um die nächste Figur hereinzulassen, und die steuert zielsicher den Tresensitzer an. Auch ein Narzisst, aber einer mit Humor, das sieht man gleich. Natürlich kommen wir doch ins Gespräch. M., der Typ mit Funkelbrille, legt sich ins Zeug, um zu imponieren, P., der andere gibt sich lässig-halbinteressiert – als hätten die zwei eine Art Good-Cop-Bad-Cop-Strategie. Da beißen sie bei mir auf Granit. Und mit Genugtuung spüre ich, wie es sie wurmt, dass alle Versuche an mir abprallen – ohne unhöflich zu sein. Vielleicht war es der halbe Joint, den ich zuhause noch geraucht hatte, der mich so unerschütterlich macht. Und nicht zuletzt fühle ich Franks Rückhalt – sein solider Bauch wirkt wie ein Fels in der Brandung.

Nach dem dritten Weinglas meinerseits und irgendwelchen prätentiösen Cocktails, die M. und P. schlürfen, bröckelt die Fassade. Ich erfahre, dass M.s drittes Kind gerade fünf Wochen alt ist – und er geflüchtet ist vor der (3.) Frau im Wochenbett, die er im Eifer geschwängert hatte. P. hat zwei Kinder, aber eins davon noch nie gesehen. Warum, kann er mir sogar plausibel machen.
Anstatt sie zu bemitleiden, lächle ich vielsagend und erkläre ihren Beruf – dass sie hochangesehene Chefärzte sind, wollten beide nicht vertuschen – für als demnächst hinfällig. „Wenn erst Cannabis legalisiert wird, habt ihr nicht mehr viel zu tun“, bringe ich es auf den Punkt, „denn das hilft im Grunde gegen alles.“ Ja, ich bin seit ein paar Jahren glühende Enthusiastin dieser Pflanze und muss mich in den Arm kneifen, den beiden jetzt kein Loblied auf Hanföl als Gleitmittel zu singen. Denn Männer können manchmal wirklich schwer abstrahieren, soviel hab ich schon gelernt.

Sie sind erst ungläubig, dann erschüttert. Gar nicht mal so wegen der Prognose, dass Cannabis als Allheilmittel dienen könnte. Sondern weil eine dahergelaufene Blondine ihren Berufsstand nicht respektiert, wie sie es gewohnt sind. P. hat die Bad-Cop-Variante über Bord geworfen und versucht es auf die schmeichelnde Art: „Zita, wir helfen jedem“, sagt er wirklich, „wenn du dich zum Beispiel verletzt, dann kommen wir und helfen dir“.
Oje, ich spüre, dass er irgendwas tief in mir berührt hat, was mich vielleicht in 40 Jahren dazu bewegen wird, „Ärzte in aller Freundschaft“ einzuschalten. Ich schlucke und bleibe hart. „Leider werde ich euch nicht brauchen“, sage ich und senke die Augenlider nachdrücklich, „und außerdem bin ich nicht nur betrunken, sondern auch noch bekifft“. Das betone ich so, als würde es einwandfrei beweisen, wie sinnvoll man Cannabis einsetzen kann. Das war mein Schlusswort, bevor ich mich in den verrauchten Mantel wurschtel und zum Abschied halbherzig salutiere.
Bezahlen musste ich nicht mehr. Aber das allein war nicht der Grund, warum meine Laune erheblich verbessert war.

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