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Beipackzettel für Patienten –
Cannabis auf Rezept

Medizin

Autor: Maximilian Plenert

1. Die Suche nach einem Arzt

Die erste Schwierigkeit ist es, einen Arzt zu finden, der bereit ist, eine Therapie mit Cannabis durchzuführen. Der erste Anlaufpunkt ist der bisher behandelnde Arzt. Dieser kennt Sie und Ihre Erkrankung am besten – und vielleicht war Cannabis bereits ein Thema. Mit dem neuen Gesetz können Sie nun offen die Therapie mit Cannabis ansprechen.
Einige Mediziner zeigen eine klar ablehnende Haltung und sind nicht bereit, über diese Option zu reden. Anderen fehlt es an medizinischem Fachwissen sowie den gesetzlichen Regelungen. An dieser Situation wird sich erst nach und nach etwas ändern. Bis dahin müssen Patienten ihren Arzt motivieren, sich zu informieren, und selbst geeignete Informationen beschaffen.
Lehnt Ihr Arzt eine Therapie mit Cannabis konsequent ab oder vertröstet Sie, müssen Sie sich auf die Suche nach einem neuen Arzt machen. Hierbei kann die regionale kassenärztliche Vereinigung oder Ärztekammer weiterhelfen. Im Idealfall finden Sie einen Facharzt, der auf Ihre Erkrankung spezialisiert ist.

 

2. Das Rezept

Um eine Therapie mit Cannabis durchzuführen, muss der Arzt ein Betäubungsmittelrezept ausstellen. Jeder Arzt in Deutschland darf Cannabis verschreiben. Allerdings besitzt nicht jeder Arzt einen Betäubungsmittelrezeptblock oder nutzt diesen regelmäßig.
Für die Ärzte ist nicht klar, welche finanziellen Risiken auf sie zukommen, wenn sie Cannabis zulasten ihres Praxisbudgets verordnen. Daher stellt sich zunächst die Frage, ob er ein Privatrezept ausstellen würde, das Sie dann selbst bezahlen müssten.

 

3. Kostenantrag

Bevor das erste Kassenrezept ausgestellt und eingelöst werden kann, muss eine Übernahme der Kosten durch die Krankenkasse genehmigt worden sein. Die Antragstellung erfolgt durch den Patienten, unterstützt durch den behandelnden Arzt.
Der Antrag kann formlos sein und kann sogar schon gestellt werden, bevor ein Arzt gefunden wurde. Es ist kein Rezept notwendig. Die Übernahme der Kosten sollte so früh wie möglich gestellt werden.
Der Gesetzgeber hat festgelegt, dass eine Cannabistherapie nur in begründeten Ausnahmefällen verweigert werden darf. Diese Regelung ist im Vergleich zu der üblichen Regelung für die Erstattung von Medikamenten außerhalb ihrer Zulassung („Off-Label Use“) sehr viel offener formuliert.
Voraussetzung für einen Anspruch auf diese Leistung ist das Vorliegen einer schwerwiegenden Erkrankung, ein Mangel an Alternativen zur Therapie mit Cannabis sowie eine Aussicht auf Erfolg.
Die Krankenkassen schalten bei Kostenanträgen regelmäßig ihren Medizinischen Dienst (MDK) ein. Dieser bewertet den jeweiligen Fall und gibt eine nicht bindende Empfehlung ab. Zahlreiche Antragssteller bzw. ihre Ärzte haben vom MDK einen weitgehend standardisierten Fragebogen erhalten. Im Idealfall kann man selbst bei der Antragsstellung alle darin abgefragten Informationen bereits mitschicken.

Die Krankenkasse muss innerhalb von drei Wochen auf Ihren Antrag reagieren. Versäumt sie diese Frist, gilt die sogenannte Genehmigungsfiktion nach § 13 Abs. 3a SGB V: Beim Ausbleiben einer Reaktion gilt der Antrag automatisch als genehmigt. Schaltet die Krankenkasse den MDK ein, gilt eine Frist von fünf Wochen.
Es empfiehlt sich, jeden Schritt gut zu dokumentieren, da im Einzelfall eine Klage gegen die Ablehnung der Krankenkasse sinnvoll sein kann.

 

4. Verordnung

Liegt eine Genehmigung für die Erstattung des Cannabismedikaments vor, kann der Arzt ein Kassenrezept ausstellen. Es ist möglich, nach Einreichen des Antrags Cannabis von einem Kassenarzt auf Privatrezept verschrieben zu bekommen und die Kosten nachträglich im Fall einer Genehmigung einzureichen.

 

5. Bezug über die Apotheke

Nicht jede Cannabissorte ist immer in den Apotheken verfügbar. Vor dem Ausstellen des Rezepts sollte man bei der Apotheke nachfragen, welche Sorten aktuell lieferbar sind. Der Arzt kann einem Patienten mehrere Sorten verschreiben. Einige Apotheken fordern vom Patienten beim Einlösen des Rezepts eine schriftliche Anweisung zur Einnahme vom Arzt.

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