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Hanf am Bau

Julia Möllmann

So beständig wie die Fasern sind auch die Produkte, die seit hunderten Jahren aus Hanf gefertigt werden. Interessant für die Bau- und Textilindustrie, wo er mit der Zeit fast vollständig verdrängt wurde. Aber er rückt wieder ins Sichtfeld – nicht zuletzt weil das Bewusstsein für knapper werdende Ressourcen und natürliche Erzeugnisse ansteigt.

 

Ökologisches Bewusstsein in der Baubranche – ein Widerspruch?

Der zugegeben nicht ganz neue Trend hin zum ökologischen Bauen – ein Eigenheim mit natürlichem Raumklima ist der Traum vieler Selbstbauer – steigert immerhin im kleinen Rahmen die Nachfrage nach recyclebaren Baustoffen. Traditionelle Bauweisen wie Lehmbau sind nach wie vor beliebt und wurden immer weiterentwickelt. Dabei haben sich Lehm und Hanf als harmonische Verbindung erwiesen: Hanfkleinschäben können als Zuschlagstoffe die Isolierwirkung von wärmedämmenden Lehmputzen erhöhen. Diese holzigen Bestandteile des Pflanzenstiels eignen sich nicht zur Fasergewinnung und können auf diese Weise verwertet werden. Maschinell hergestellte Hanflehmsteine überzeugen neben guten Dämmwerten auch mit ihren Schallschutz- und Speicherqualitäten. Die Schäben verleihen den Steinen Stabilität und begünstigen eine gute Verarbeitbarkeit. Ein hoher Kieselsäuregehalt in der Hanffaser macht sie zudem fast unverrottbar. Weil Hanffasern keine Eiweiße enthalten, sind Hanflehm-Bausysteme vor Insektenbefall sicher. Erweiterungen der Produktpaletten von Herstellern könnten hier mit neuen Anwendungsmöglichkeiten und sinkenden Baustoffpreisen einhergehen.

Bei größeren Bauprojekten stehen allerdings noch konventionelle Baustoffe und Bautechniken auf dem Plan. Ein Umdenken wird hier wegen des großen Kosten- und Finanzierungsdrucks noch längere Zeit auf sich warten lassen. Dabei stehen beispielsweise Dämmstoffe aus Polystyrol, also Schaumstoffe wie Styropor, die in den letzten Jahrzehnten in umfangreichem Maße als Dämmung für Außenwände verbaut wurden, seit längerem in der Kritik. Diese hatten sich aufgrund ihrer Dämmwirkung und kostengünstigen Herstellung gegenüber anderen Baustoffen durchsetzen können.

Ökobilanz für einen ganzheitlichen Vergleich

Vergleicht man die Energie, die der herkömmliche, meist kunststoffbasierte Dämmstoff einspart, mit dem energetischen Aufwand, der bei seiner Produktion entsteht, dann stellt sich spätestens seit einer globalen Auseinandersetzung mit der Klimaveränderung die Frage nach einer ausgewogenen Relation beider Aspekte.

Dieser Vergleich drückt sich in der sogenannten Ökobilanz aus, die den Lebenszyklus eines Produkts mit allen zu berücksichtigenden Umweltwirkungen analysiert. So können auch Faktoren wie die Gewinnung eines Rohstoffs, Transportwege, Verarbeitung, Instandhaltung und letztlich auch die Aufwendung für die Entsorgung eines Baustoffes berücksichtigt werden und ermöglichen ein transparentes Bild.
Wärmedämmung aus Schaumkunststoffen auf Basis des begrenzt verfügbaren Erd- bzw. Mineralöls, werden seit Ende 2016 als Sondermüll eingestuft. Dies bedeutet, dass sie im Fall eines Rückbaus oder bei Sanierungsmaßnahmen getrennt von anderem Bauschutt entsorgt werden müssen. Das liegt vor allem an einem Inhaltsstoff, der in der speziellen Beschichtung solcher Dämmplatten enthalten ist. Es handelt sich um das Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCD), das 2016 im Rahmen der Stockholmer Konvention als organischer Schadstoff identifiziert wurde. Da Kunststoff leicht entzündlich ist, können Schaumdämmplatten bei Feuerentwicklung gar als Brandbeschleuniger dienen. Daher wurden sie noch bis vor kurzem mit HBCD beschichtet, das bei einem Hausbrand die Entzündung des Dämmmaterials und Brandausbreitung verhindert, oder zumindest verzögert. Diese schwer abbaubare organische Verbindung, deren Rückstände in der Umwelt überdauern, ist aber umweltschädlich und wurde von der Europäischen Union 2016 unter ein Handels- und Verwendungsverbot gestellt.
Noch sind die Schaumstoffdämmungen millionenfach an deutschen Fassaden verbaut. Die Entwicklung hin zu ökologisch vertretbaren Baumaterialien beschäftigt aber schon seit längerem Architekten, Materialforscher und allen voran auch die Umweltpolitik der Europäischen Union, und könnte zu einem geweiteten Blick auf dem Baustoffmarkt beitragen.

Hanf als konkrete Alternative

Besonders wenn es um Dämmmaterialien geht, qualifiziert sich Hanf als nachhaltige Alternative. Als Trittschalldämmung für Holzböden eignen sich Unterlagsfilze aus Hanffasern und erreichen dabei gute Schalldämpfungswerte. In Mattenform hergestellt eignet sich die Dämmung für den Einbau in Wand, Dach und Boden.
Als reine Hanfprodukte ohne Zusätze wirken sie zudem feuchtigkeitsregulierend. Durch die offenporige Zellstruktur kann die Naturfaser zwar geringe Mengen Wasser aufnehmen, gibt diese beim Trocknen aber auch wieder ab. Dieses günstige Verhalten bei Feuchte ist für Wärmedämmstoffe, vor allem für Außenwände, von besonderer Relevanz, weil es Schimmel- und Pilzbefall vorbeugt. Bei einer hervorragenden Wärmeleitfähigkeit (λ=0,04 – 0,045 W/(m·K)) reicht hier für einen Wandaufbau eine Dämmschichtdicke von 16 cm bereits aus, um die aktuellen Anforderungen nach EnEv 2016 (Energieeinsparverordnung) zu erfüllen. Diese schreibt bautechnische Mindestanforderungen zum effizienten Betriebsenergiebedarf von Gebäuden vor.
Was die Herstellung und den Einbau von Hanfbaustoffen betrifft, ist hier eine Gesundheitsgefährdung so gut wie ausgeschlossen. Durch den einfachen, staubarmen Einbau sind sie eine gesunde und ökologisch sinnvolle Alternative zu Glas- und Steinwollmatten. Im Falle eines Rückbaus ergeben sich keine Probleme mit der Entsorgung, da sie recyclebar sind und bei schadenfreiem Ausbau teilweise sogar wiederverwendet werden können.

Renaissance durch Fortschritt?

Technische Fortschritte bei der Verarbeitung und Produktion steigern das zukunftsweisende Einsatzpotenzial von Hanf in der Baubranche. Denn Stoffe aus Hanf sind bei gleicher Belastung langlebiger und beständiger. Neue Herstellungsverfahren und das Beimengen von Zusätzen erweitern die Eigenschaften des Werkstoffs, sodass beispielsweise Dämmung aus Hanf auch den hohen Anforderungen in der Verwendung als Baumaterial entsprechen kann. Auch wenn es sich dabei bislang nicht um Zusätze natürlichen Ursprungs handelt, sind Hersteller und Forschung auch hier bemüht, bioverträgliche Dämmsysteme aus Hanf zu entwickeln. So werden Dämmplatten mit Stützgewebe aus synthetischen Fasern verstärkt, alternativ kommen aber auch pflanzliche Maisfasern zum Einsatz. Somit soll Hanf als pflanzlicher Bestandteil für die Werkstoffproduktion nicht nur den Schein eines Nachhaltigkeitsanspruchs haben.
Es ist anzunehmen, dass der Fokus in Zukunft auf nachhaltige Rohstoffe gerichtet werden wird und somit eine wachsende Nachfrage nach diesen entsteht. Eine Entwicklung, auf die sich auch Hanfbauern und Produkthersteller vorbereiten. Der Anbau von Nutzhanf ist seit Aufhebung des Anbauverbots in Deutschland kontinuierlich gestiegen. Spätestens seit einer verschärft geführten Klimadebatte und dem umweltpolitischen Ziel einer kreislauforientierten Wirtschaft innerhalb der EU muss sich auch die Bauwirtschaft und schließlich auch der private Hausbesitzer mit dem ökologischen Fußabdruck seiner Baustoffwahl beschäftigen. Gute Voraussetzungen werden schon jetzt seitens der Umweltpolitik der Europäischen Union geschaffen. Und vielleicht ist es gerade der technische Fortschritt, der an der Verdrängung der Nutzpflanze beteiligt war, der nun einen Beitrag zu ihrer Rückkehr leisten kann. Die Renaissance der Hanfpflanze in Textil- und Bauindustrie scheint jedenfalls bereits eingeläutet.

 

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