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Die Philosophie des High

Medizin

Anna Pasdzierny

Einen Cannabisphilosophen trifft man nicht alle Tage. Deswegen sollte man die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen und ein paar Fragen in der Tasche haben. Auf der ICBC Berlin sprach Sebastian Marincolo über Medien und Cannabis, und unsere Autorin hatte Glück, dass er ihr auf eine Zigarette vor dem Veranstaltungsort im Hotel Maritim Gesellschaft leistete.

Dass Dr. Sebastian Marincolo in seinem Forschungsgebiet früher oder später auf Cannabis stoßen würde, war eigentlich abzusehen. Er promovierte in Tübingen und forschte in den USA unter anderem über neurokognitionswissenschaftliche Theorien von Bewusstsein und Empathie und arbeitete mit dem hochbetagten Harvard-Professor Lester Grinspoon zusammen – eine Koryphäe in der Cannabisforschung.

In den USA erlebte und analysierte Marincolo das Cannabis High mit einem befreundeten Toxikologiestudenten am eigenen Körper. „Ich habe dann gemerkt, dass es da ein großes Potenzial gibt bei der Veränderung von Bewusstseinsvorgängen – z. B. bei der Hypofokussierung“, sagt der charmante Stuttgarter mit gepflegtem Dreitagebart. Ihn interessiert, „dass man einen mentalen Fokus hat, während man high ist“. Wirklich nur der Ist-Zustand ist für seine Beobachtungen relevant – „was passiert, wenn du high bist“ –, nicht die längerfristigen Wirkungen. Dabei habe er nicht nur über das High, sondern über die menschliche Natur viel lernen können.

Die Selbstversuche sind nur ein Parameter seines „Guerilla-Ansatzes“, wie er seinen Zugang zum Thema bezeichnet: „Ich habe den phänomenologischen Ansatz integriert und neben der neuro-, kognitionswissenschaftlichen und psychologischen Perspektive angewandt.“ Guerilla, weil Marincolo mit vielen Menschen gesprochen hat, die illegal rauchen, und mit Growern, die dies ohne Genehmigung tun. Bei der Auswertung von Studien war er sehr vorsichtig, weil viele nur Daten zur Wirkung von pharmazeutisierten Cannabisauszügen liefern. „Die sagen aber gar nicht so viel aus, weil wir wissen, dass die Pflanze viel besser wirkt, wenn sie in der ganzen Kombination kommt – also wenn die über 100 Cannabinoide und ca. 200 Terpene zusammenwirken“, resümiert er und vergleicht es mit einer Zitrone: „Die liefert ja auch bessere Vitamine als eine einzelne Brausetablette“.

High und empathisch

Mit dem Toxikologen diskutierte er über die verschiedenen Effekte des Highs: „Wie deine Imagination sich verbessert und deine Mustererkennung, wie du bessere introspektive Einsichten gewinnen kannst – überhaupt spontane Einsichten hast“, sagt er. Auch empathisches Verstehen sei in einem ganz anderen Maß möglich, aber nur unter den richtigen Voraussetzungen. „Stell dir vor, du sitzt mit einer guten Freundin zusammen. Dann ist die Wahrscheinlichkeit viel höher, dass du empathisch anfängst, sie besser zu verstehen, als wenn du high bist und in einen Raum gehst, wo lauter Typen sind, die du nicht magst“, erklärt er, „mit denen willst du gar nicht interagieren – deswegen sind manche in bestimmten Situationen dann eher introspektiv in sich gekehrt“.

„Auf einmal kann der Drummer auch ein Solo spielen“

Auf die Kunst übertragen hat dieses ausgeprägte empathische Vermögen durch den Cannabisrausch ganz neue Blickwinkel eröffnet: „Dass Cannabis inspirationell gewirkt hat, teilweise bei Künstlern, Schriftstellern, Philosophen, die dann Ideen hatten, das ist eine Perspektive, die wir noch viel zu wenig aufgezeigt haben“, sagt Marincolo und führt den frühen Jazz als Beispiel an: „Die amerikanischen Jazzmusiker in den 20er und 30er Jahren sind wirklich high auf die Bühne gegangen und hatten – laut meiner Forschung – einen schnelleren assoziativen Strom von Gedanken. Die Hierarchen werden geringer, auf einmal kann der Drummer auch ein Solo spielen und der Bassist“, beschreibt der Wissenschaftler, der zahlreiche Künstlerbiografien durchforstet hat. Die Statements zu Kiffgewohnheiten habe er hier manchmal nur zwischen den Zeilen gefunden. Billie Holiday zum Beispiel hat, solange es legal war, backstage einen Joint geraucht, bevor sie auf die Bühne ging. Als es illegal wurde, drehte sie zwischen den Sets ein paar Runden im Taxi zum vorbereitenden Rausch.

Haschisch für die großen Denker

Marincolo könnte endlos Namen von Menschen aufzählen, die kulturell und gesellschaftlich einflussreich waren und gezielt Cannabis konsumierten, um ihre Kreativität anzuregen. Louis Armstrong, die Beatles, aber auch zum Beispiel der Philosoph Walter Benjamin, der sich selbst mit dem High beschäftigte und unter dem Einfluss von Cannabis Ideen entwickelte, die er später für einen Aufsatz über die Rolle der Kunst im 20. Jahrhundert verwendete, der immer noch zur Grundlagenliteratur gehört – „den muss man als Kunsthistoriker gelesen haben, das gilt immer noch“, so Marincolo. Sein jüngstes Buch „What Hashish did to Walter Benjamin“ setzt sich unter anderem mit Benjamins Beobachtungen über den Cannabisrausch auseinander. „Ein wirkliches Genie, der sich 1927 mit Ernst Bloch hingesetzt hat und Haschisch konsumiert hat, und zwar wirklich hohe Dosen“, erzählt er. Benjamins Gedanke war, die Experimente des Pariser Haschischclubs der Dichter und Intellektuellen um 1840 zu wiederholen und zu philosophischen Einsichten zu gelangen. „Viele sagen, Benjamins Versuch sei schiefgegangen“, so der Cannabisphilosoph, der in seinem Buch hervorhebt, wie unterschätzt Benjamins berauschte Essays eigentlich sind.

Inspirativ und heilsam, wenn der Background stimmt

Die Swing-Ära im Jazz in den 20er und 30er Jahren führt Marincolo gern an, auch als Beispiel dafür, wie Cannabis nicht nur Imagination und Kreativität, „die man als Explosion wahrnehmen kann“, auslöst, sondern heilsam gewirkt hat. „Sehr viel Improvisation, sehr viel Empathie, eher fröhlich auch die Musik. Und das von einer Bevölkerungsgruppe – schwarze Musiker –, die extrem diskriminiert wurde zu der Zeit. Viele waren stark traumatisiert, haben Blues gesungen und dann hat diese Subkultur angefangen, sehr viel Cannabis zu nehmen und damit im Prinzip auch das posttraumatische Stresssyndrom behandelt“, sagt er. Heute weiß man, dass Cannabis sehr gut wirkt bei PTBS – „und auf einmal fangen die an, fröhliche, explosive und empathische Musik zu machen“.

Marincolo ist überzeugt, dass Cannabis die Welt besser machen kann – das ließe sich auch auf die Flüchtlingsthematik übertragen. „Ich glaube, dass ein inspirativer Gebrauch von Cannabis dazu führt, dass das guttut, weil sich dadurch auch Denkmuster ändern können, weil Menschen empathisch werden“. Aber, und hier macht Marincolo eine bedeutsame Pause, es muss eine wichtige Voraussetzung gegeben sein: „Man braucht auch Bildung. Ohne geht es nicht.“

Bildung und Gras – am besten zusammen

Obwohl er immer wieder betont, dass es ihm um das positive Potenzial geht, klammert Marincolo das mögliche Risiko und den Missbrauch nicht aus. „Eine hohe Anzahl von Leuten missbrauchen es, die sagen: ‚Ich möchte vor der Welt fliehen, vor Stress, ich rauche einen Joint, der mich müde macht und vorübergehend während des Highs mein Kurzzeitgedächtnis ausschaltet‘, so wie andere zu viel Alkohol trinken, um den ganzen Mist in ihrem Leben zu vergessen“, beobachtet er, „davon müssen wir die Leute wegbringen“. Den Weg dahin sieht er in einer regulierten Legalisierung. Prohibition bringe keinen Jugendschutz mit sich, sondern führe dazu, dass Jugendliche unkontrolliert schlechte Substanzen zu sich nehmen. Gibt es einen problematischen Umgang, sei es besser zu helfen als zu kriminalisieren. Dass früher Konsum kritisch sein kann, ist für ihn keine Frage. „Aber statt zu verbieten müssen wir schlichtweg die Wahrheit sagen“, appelliert er. Und dann bringt Marincolo, der gerne Analogien verwendet, den Sex ins Spiel:
„Auch Sex hat eine Menge Risiken. Keiner will, dass sein 11-jähriger Sohn oder seine 12-jährige Tochter von irgendjemand gezwungen, missbraucht wird. Man kann beim Sex frühe, extrem traumatische Erfahrungen machen, die einen im ganzen Leben belasten können. Jetzt kann ich natürlich sagen: Gut, wenn Sex diese Gefahren hat, dann erzähle ich meinem Kind, wenn es in das Alter kommt: Sex ist schlecht, Sex ist negativ, hat nur Risiken. Alles wird schlimm sein. Und wir wissen, was dabei herauskommt, denn wir haben es genügend gesehen in den verschiedenen Zeiten in der Gesellschaft: Da kommen Menschen bei raus, die ein ganz schlimmes Verhältnis haben zu ihrem eigenen Körper, zu ihrer Sexualität, die im Prinzip geschädigt durchs Leben gehen.“ Die Karten auf den Tisch zu legen, darum geht es Marincolo. „Wir müssen sagen: So sieht es aus, hier sind die Gefahren, hier ist das Potenzial – und es gibt auch eine Zeit für Dinge“, findet er.

Neue Assoziationen ins Spiel bringen

Dass Marincolo das Potenzial des Cannabishighs so in den Fokus rückt, liegt daran, dass es bisher fast überhaupt nicht erforscht wurde. Auch er hat trotz exzellentem Abschluss und positiver Gutachten seiner Stipendienanträge keine Gelder zur Verfügung gestellt bekommen. Institutionen haben abgelehnt, aus Angst, eigene Stifter könnten abspringen – und damit, weiß er, ist er nicht allein. „Wenn man nicht dezidiert gesagt hat, man möchte die negativen Effekte hervorheben, hat man in der Cannabisforschung keine Gelder bekommen“, sagt er.
Nur im Bereich der Endocannabinoidforschung gab es in den letzten Jahren sehr viele Studien, weil pharmazeutische Unternehmen hier ein riesiges Potenzial vermuteten.

Da ihm also keine Hilfe bereitgestellt wurde, nutzte Marincolo seine künstlerische Ausbildung als Fotograf, um sich seine Forschung selbst zu finanzieren.
Auch hier hat er sich inzwischen der Cannabispflanze verschrieben, die er gern in Makrostudien zeigt. Dahinter steckt eine Mission: Nämlich die Pflanze von den Assoziationen zu befreien, die die Leute „runterrattern, wenn sie ein Hanfblatt sehen“, so Marincolo, „Ich wollte, dass die Leute hingucken und sagen: Hoppla, diese Details!“.

„Ich will das Wissen und die Inspiration ein stückweit unter Beweis stellen.“

Makroperspektiven hier und Hypofokussierung in der Wissenschaft: So wie unter dem High Details in den Vordergrund gerückt werden, die ohne den Rausch kaum wahrzunehmen sind, vergrößert er in seinen Fotografien Elemente, die in Normalansicht kaum erkennbar wären.
„Wenn ich gerade Cannabis konsumiert habe und ich trinke einen tollen Rotwein, dann ist der nicht nur intensiver, sondern ich kann besser diskriminieren – dann merke ich, da ist etwas Erdiges und eine Note von Zitrone. Auf einmal entdecke ich zwölf Geschmacksdimensionen, die ich unterscheiden kann. Und das habe ich mit meiner Fotografie gemacht: Die Pflanze in den Fokus zu nehmen“, sagt Marincolo.

„Ich will damit auch zeigen, dass es verschiedene Arten von high gibt. Die möchte ich wieder auf die Details und auf die Pflanze zurückzuwerfen ohne diese ganzen negativen Assoziationen“, sagt er, „Ich will das Wissen und die Inspiration ein stückweit unter Beweis stellen.“
So arbeitet Marioncolo an zwei Fronten für die Reputation der Pflanze. Mit dem Ziel, das Bild von Cannabis in den Köpfen der Menschen zu verändern, indem er neue Bilder schafft – fotografische und Meinungsbilder. Und er ist guter Dinge, dass der Zeitpunkt für Cannabis gekommen ist: „Ich glaube, wir stehen kurz davor, dass das zu einer großen Welle wird. Zum Glück, denn wir helfen damit vielen.“

 

 

 

Bildquelle: Adobe Stock

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