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Gedankenchaos

Medizin

Eva Milz

ADHS hört mit dem Übergang ins Erwachsensein nicht unbedingt auf. Die Symptome äußern sich allerdings anders. Unsere Expertin, die Psychiaterin Dr. Eva Milz, beschreibt ihre Beobachtungen aus der Praxis. Und berichtet, wie sie gezielt mit Cannabis therapiert.

 

„Unstreitig ist, dass männliche Patienten häufiger anecken als Mädchen.“

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung) ist ein eher landläufiger, unscharfer Begriff für Störungen von Aktivität, Aufmerksamkeit und Sozialverhalten. Man geht davon aus, dass etwa jedes zwanzigste Kind betroffen ist, vornehmlich Jungen. Ob die Diagnose bereits im jungen Alter gestellt wird, hängt maßgeblich mit dem Auffallen des einzelnen Kindes in seiner Umgebung zusammen. Unstreitig ist, dass männliche Patienten die Symptome meist nach außen ausleben und somit häufiger anecken als Mädchen. So werden Jungen im Zuge der ADHS-„Aufklärung“ sowohl früher diagnostiziert als auch öfter medikamentös behandelt. Die klare Aufteilung in Zappelphilipp und Träumersuse – was auf die unterschiedlichen Symptome bei männlichen (ständige körperliche Bewegung) und weiblichen Betroffenen (Unaufmerksamkeit) hinweisen soll – ist aber sicher so nicht haltbar. Es kann sein, dass die „Aufklärung“ zu ADHS dazu geführt hat, dass es vorübergehend zu einer Modediagnose wurde. Ich schränke die Bezeichnung Aufklärung bewusst ein, da die Verordnung von Stimulanzien – das sind Medikamente auf Amphetaminbasis, die als Betäubungsmittel gelten – zwar rückläufig ist, aber immer noch im Fokus der ärztlichen Therapie und im Hintergrund der Kampagnen stehen, und das bereits im sehr frühen Grundschulalter.

Eine Erkrankung, verschiedene Ausprägungen

Die Symptome einer Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung, wie die korrekte Bezeichnung des Krankheitsbildes lautet, äußern sich vielfältig. Bei einigen herrschen eine hohe Ablenkbarkeit und Konzentrationsschwierigkeiten vor, andere wiederum geraten häufig wegen Kleinigkeiten in Rage und es kommt zu impulsiven Handlungen. AD(H)S ist eine Spektrumserkrankung, d. h. es gibt verschiedene Ausprägungsgrade: von der vorrangigen Konzentrationsstörung ohne Hyperaktivität – somit eher eine ADS, Aufmerksamkeitsdefizitstörung – bis hin zu einer massiven sozialen Anpassungsschwierigkeit mit körperlicher Unruhe, die die Diagnose „Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens“ nach sich zieht.

Typische, sehr belastende Symptome sind bohrende innere Unruhe und Stimmungsschwankungen, die häufig durch Streitigkeiten, Ungerechtigkeiten und tiefere Sinnfragen ausgelöst werden. Diese sind nicht selten auch die Ursache für einen häufigen (auch mehrmals täglich stattfindenden) Wechsel zwischen wütend-resignierten und positiv-motivierten Gefühlslagen, die unterschiedlich ausgelebt werden.
Längerfristige depressive Reaktionen sind eher Folge einer körperlichen und psychischen Traumatisierung – zum Teil auch durch erzieherischen Gegenmaßnahmen ausgelöst – oder eine Dauerbelastung durch Stress. Gleichsam geschildert werden Störungen des Schlaf- und Essverhaltens.

„Menschen mit ADHS haben eine um 50 % erhöhte Sterblichkeitsrate.“

Auch wenn meist Schlaf- und Appetitmangel vorherrschen, so nutzen einige Patienten Essen und Schlaf (der dann mit Substanzen erzwungen wird) als Gegenmaßnahmen für das innere Erleben. Es mutet an, dass ADHS-Patienten häufiger eigenständig nach Lösungen für ihre Schwierigkeiten suchen und dabei nicht selten auf Substanzen oder Verhaltensweisen stoßen, die sie stabilisieren, aber auch in noch größere Probleme stürzen können. Menschen mit Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung – was der korrekten psychiatrischen Bezeichnung entspricht – haben eine um 50 Prozent erhöhte Sterblichkeitsrate durch Unfälle, Suizide und Folgen unachtsamen, risikobereiten Verhaltens.
Neben den sozial einschränkenden Anteilen der Störung werden aber auch oft positive Seiten geschildert wie schnelle Denkfähigkeit, ein erhöhtes Einfühlungs- und Durchsetzungsvermögen, Kreativität und Begeisterungsfähigkeit. Viele Patienten sind in jungen Jahren sportlich sehr aktiv und gewissenhaft. Die Schullaufbahn verläuft bei den meisten Menschen mit Aktivitätsstörung recht holperig, was aber eher den Schwierigkeiten, zurückhaltend und wenig hinterfragend am Unterrichts- und Sozialgeschehen teilzunehmen, als den intellektuellen Voraussetzungen geschuldet ist. Viele meiner erwachsenen Patienten haben in ihrer Karriere zunächst den Weg vom Gymnasium zur Hauptschule durchlebt, um dann aber auf dem zweiten Bildungsweg (nachweislich mithilfe von Cannabis) Schulabschlüsse nachzuholen und Berufsausbildungen oder Studiengänge erfolgreich abzuschließen.

ADHS im Erwachsenenalter

Die Diagnose ADHS findet in der Erwachsenenpsychiatrie bislang wenig Beachtung. Obwohl man davon ausgeht, dass bei mindestens der Hälfte aller ADHS-Patienten die Symptomatik mit dem vollendeten 18. Lebensjahr fortbesteht, taucht die Diagnose nur noch in den seltensten Fällen in den Krankenberichten der Erwachsenenpsychiatrie auf. Dies hat verschiedene Gründe. Zum einen geht die Information der Vorbehandlung verloren, wenn – wie in den allermeisten Fällen – kein Übergang von der Kinder- und Jugendpsychiatrie geschaffen wird. Da die Patienten die Medikation mit der Volljährig- und somit Entscheidungsfähigkeit absetzen, werden keine Folgerezepte fällig, sodass die Diagnose „verschwindet“.
Erst dann, wenn die tägliche Belastung durch Arbeit und Familie zu groß wird und gängige Gegenmaßnahmen wie Alkoholmissbrauch, übermäßiges Arbeiten und exzessiver Sport nicht mehr ausreichen, treten wieder behandlungsbedürftige Symptome auf. Diese Patienten stellen sich dann mit Schlafstörungen, Depressionen, Schmerzzuständen oder Abhängigkeitserkrankungen bei Ärzten vor. Häufig werden dann Antidepressiva, angstlösende und eigentlich antipsychotisch wirksame Medikamente eingesetzt, leider oft auch abhängigkeitserzeugende Schlaf- und Beruhigungsmittel.

„Mischung aus Gehirndoping und Ruhigstellen.“

In einigen wenigen Fällen wird die Diagnose ADHS auch erstmalig im Erwachsenenalter gestellt und dann entsprechend mit verzögert wirksamen Amphetaminen und dessen Abkömmlingen behandelt. Die Wirkung dieser Medikamentengruppe wird von meinen Patienten als eine Mischung zwischen Gehirndoping und Ruhigstellen wahrgenommen. Die Beschreibung von Wirkungen und Nebenwirkungen unterscheiden sich nur unwesentlich von denen der Kinder und Jugendlichen: Die die nicht-verzögert wirkenden Betäubungsmittel werden als emotional einschränkend empfunden und Schlaf- und Appetitstörungen als Schmälerung der Lebensqualität. Aus diesem Grund überlegen sich erwachsene ADHS-Patienten den Einsatz eine Stimulanz und nutzen diese nur symptomatisch, d. h. dann, wenn sie eine längere Zeit konzentriert sein müssen. Da bei Kindern die soziale Zuwendung durch die Einnahme steigt – das schulische Verhalten ist häufig angepasster –, wird bei ihnen die weitere Medikamentierung allseits bestärkt. Dies trifft auf meine erwachsenen Patienten nicht zu. Sie bilanzieren kritisch Vor- und Nachteile und entscheiden sich meist nach einigen Wochen gegen eine weitere Einnahme. Ein wesentlicher Aspekt hierbei ist, dass das innere Erleben durch die Amphetamine nicht wesentlich beeinflusst wird. Manche Patienten schildern durchaus einen antidepressiven Effekt, allerdings sei die Impulsivität in keiner Weise gemildert, sondern häufig sogar noch gesteigert.

Die Behandlung mit Cannabis

Die gute Beeinflussbarkeit von Impulsivität, innerer Unruhe, Gedankenchaos, Stimmung und Schlaf sind die am häufigsten genannten Gründe für den Einsatz von Cannabis. Eine wesentliche psychische Entlastung erfahren die Patienten bereits im Erst- und Beratungsgespräch, wenn sie ihre Problematik schildern können und ihnen zugehört wird. Viele haben sich zuvor schon selbst kritisch überprüft, ob sie es nicht auch ohne Cannabismedikation schaffen können, und erleben dann in der Abstinenzphase nervliche Zusammenbrüche.

„Die Wut scheint kontrollierbarer.“

Die Behandlung mit Cannabis bei ADHS orientiert sich maßgeblich an der Symptomatik, d. h. es gibt nicht die eine spezielle Blütensorte, mit der alle Patienten gleichsam gut behandelbar sind. Es kristallisiert sich heraus, dass sich einige Sorten im Tagesverlauf und in krisenhaften Situationen gut eignen, während andere Appetit und Schlaf günstiger beeinflussen. Häufig werden Sativa-Sorten eher mit einer Konzentrationssteigerung und Stimmungsaufhellung in Verbindung gebracht, während Indica-Sorten zur Beruhigung und zu einem guten Nachtschlaf verhelfen sowie den Appetit steigern. Wenn Angstgefühle und Impulsivität überhandnehmen, kann eine Cannabidiol-reiche Blütensorte zu einem ausgeglicheneren Gefühl verhelfen, die Wut scheint kontrollierbarer hierdurch.
Seitdem ich mich mit der Behandlung von Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörungen mittels Cannabinoiden auseinandersetze, habe ich die verschiedensten Biografien gehört. Allen gemein ist ein sehr gewissenhafter und durchdachter Umgang mit der Pflanze, die die Patienten funktionstüchtig macht.

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Illustration: Nani Gutierrez

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