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Aufgeklärt

Medizin

 Dr. Pierre Tailleur

Ist Deutschland reif für die Legalisierung? Ist der gemeine Bürger erwachsen genug, um selbst zu entscheiden, ob, wie und wann er was und wie viel nimmt? 

Die Rede ist von Cannabis, einer Kulturpflanze, die seit der Frühantike stetiger Begleiter der Menschen ist. Neben Samen und Fasern werden vor allem Blüten und Harz für medizinische und hedonistische Zwecke genutzt. Aber die Frage bleibt: Sollte dieses Kraut jedem zur freien Verfügung stehen?
Auch wenn jedes menschliche Handeln definitionsmäßig mit einer gewissen Mündigkeit einhergeht und die kulturprägenden Aufklärer der Neuzeit dies nochmal stark betonten, ist das Konzept der Drogenmündigkeit eine relativ neue Idee. In Deutschland wird es vor allem vom „Schildower Kreis“, einem Expertennetzwerk zum Thema Drogen und Sucht, erläutert und propagiert. Das Thema beschränkt sich dabei nicht auf Cannabis. Vereinfacht kann man das Konzept auch wie folgt beschreiben:

Menschen, die Drogen gebrauchen, sollten nicht bestraft werden, sondern lieber Steuern zahlen, und Menschen, die Drogen missbrauchen, also süchtig sind, sollten ebenfalls nicht bestraft werden, sondern Hilfe bekommen.

Auch akzept e.V. (Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik), die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. und der Deutsche Hanfverband haben eine ähnliche Haltung, wobei sich die beiden letzteren diesbezüglich alleinig auf Cannabis beziehen. In diesen Institutionen ist Prävention und Jugendschutz ein großes Thema. Hier sind Aufklärung und das Schwächen des Schwarzmarkts die Schlüsselaspekte für eine funktionierende Drogenpolitik. Eine realitätsnahe Aufklärung beinhaltet natürlich auch Schadensminimierung durch Safer-Use-Regeln. Wie man schon vor ein paar Dekaden in der sexuellen Aufklärung verstanden hat, sind praktische Übungen mit Kondomen sinnvoller als der reine Ratschlag zur Abstinenz.
In Bezug auf Cannabis ist es schwierig, ein individuelles Nutzen-Schaden-Verhältnis abzuschätzen. Generell kann man aber sagen, dass Rauchen per se immer in einem gewissen Maße schädlich ist, und dass starker Konsum in der Jugend mit negativen psychosozialen Auswirkungen assoziiert ist. Für ersteres, also das Rauchen, gibt es natürlich Alternativen, wie zum Beispiel das Verdampfen (neudeutsch auch „Vapen“ genannt) oder die orale Aufnahme von Speisen, Getränken oder Mundsprays, da man hier kaum bzw. keine karzinogenen Verbrennungsprodukte mitkonsumiert.
In Bezug auf den Konsum von Jugendlichen ist die wohl sicherste Empfehlung, abstinent zu bleiben. Dennoch gibt es wichtige Informationen und Faustregeln bezüglich Dosierung, Häufigkeit und THC-CBD-Verhältnis, welche die Gefahren von Cannabiskonsum unter Jugendlichen reduzieren können.
Für Erwachsene, die mitten im Leben stehen, ist es meist leichter, Drogengebrauch von -missbrauch zu unterscheiden. Ohne Cannabis als harmlos darstellen zu wollen, besteht für die meisten Konsumenten die größte Gefahr darin, von der Polizei erwischt zu werden.
Derzeit warnen immer noch zahlreiche Politiker vor den negativen Folgen, die die Legalisierung bzw. Regulierung mit sich bringen würde. In Colorado, Kalifornien oder den Niederlanden lassen sich jedoch keine bemerkenswerten gesellschaftlichen Probleme wegen des legalen Cannabiskonsums feststellen. Nicht jeder Mensch fängt an Cannabis zu konsumieren, nur weil es legal ist, und die meisten Konsumenten sind durchaus in der Lage, ihren Konsum verantwortungsvoll zu kontrollieren. Den Menschen, die ihren Konsum nicht unter Kontrolle haben, wird sinnvoller mit Betreuung anstatt mit Strafe geholfen, darin sind sich die oben genannten Organisationen einig.
Ohne gewisse Regularien kann man Cannabis nicht legalisieren. Darüber, wie die Regulierung zu gestalten ist, gibt es viele Ansichten und Vorschläge. Nötig ist eine Kontrolle in jedem Fall.
In den letzten Jahren gab es in verschiedenen legalisierenden US-Staaten Vorfälle, bei denen Kleinkindern große Mengen an Edibles, also THC-haltigen Lebensmitteln, zu sich nahmen und ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Solche Ereignisse zeigen, dass es definitiv einer gewissen Lernphase für Staat und Bevölkerung bedarf. Vielleicht sind gerade deshalb Modellprojekte, wie sie in einigen Städten wie Düsseldorf oder Bremen angestrebt werden, sinnvoller als eine direkte, bundesweite Legalisierung.
Um die Lernphase zu gestalten, sind Weiterbildungen für Experten (Ärzte, Polizisten, Lehrer etc.), Aufklärungskampagnen in Schulen und Jugendzentren, das Sammeln von Erfahrungen in Modellprojekten, aber auch eine gewisse Erwachsenenbildung unabdingbar, damit die Regulierung des Cannabismarkts gelingen kann. Genau wie das Schwimmen oder Autofahren muss der Umgang mit Rauschmitteln und Stimulanzien ebenfalls erst erlernt werden. Den Umgang mit Alkohol und Koffein beispielsweise lernen die meisten Menschen in ihrer Jugend und nutzen diese Stoffe dann für den Rest ihres Lebens verantwortungsvoll.
Die Bevormundung durch den Staat, die mit dem totalen Verbot bestimmter Substanzen einhergeht, führt hingegen eher zu unkontrolliertem Konsum und einem verantwortungslosen Umgang.
Demonstrationen wie die Hanfparade und der Global Marijuana March oder die Legalisierungspetition des Deutschen Hanfverbands können demnach nicht nur als Initiative für die Freigabe von Cannabis, sondern auch als Forderung nach mehr Mündigkeit der Konsumenten verstanden werden.

Bei der aktuellen Gesetzeslage und des manchmal übertriebenen Handelns der Exekutiven, die beispielsweise an manchen Stellen DNA-Abgleiche für Joint-Stummel fordert, fühlen sich viele erwachsene Konsumenten wie im „Kiffergarten“. Dennoch muss man die Debatte und die Gegenargumente ernst nehmen, da sie auf reellen Ängsten beruhen. Ein Konsens kann nur durch sachliche Debatten gefunden werden. Nur wenn man als verantwortungsbewusster Cannabiskonsument bzw. -sympathisant sachliche Argumente in die Debatte wirft, kann man auch überzeugen. Denn nur wer bereit ist, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, hat auch eine Chance, dass ihm diese Verantwortung zuteilwird.

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Bildquelle: unsplash – Mike Kotsch