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Posted on / by in.fused / in Ausgabe 3, Kolumne 3

Grasgespräche

Zita Cumberland

Mein Freund P. hat ein Putzfrauenproblem. Bzw. hätte er eine, wäre das Problem gelöst. Die meisten kommen nur ein einziges Mal, dann nie wieder. Und keine reichte bisher an Miroslawa heran, die ihm ganze zwei Jahre treu blieb. Seine gerade entlassene (Maria) ging immer eine halbe Stunde zu früh, „und dann muss ich überall nachputzen“, grollt er – und ich kann es mir schwer vorstellen. Bei P. herrschen mitunter klinische Zustände, aber im Normalfall eher „Punkwochen“ – sein Söhnchen hilft da gerne mit.
Georgina war eine Empfehlung seiner Bekannten: Sie kam, adrett in Leopardenbluse gekleidet, die vier Stockwerke schnauffrei hoch, um sich vorzustellen. P. war ganz begeistert von ihrer Art, und dachte, sie würde gleich mit Putzen loslegen. Weit gefehlt: Als „Professionelle“ mit einigen Erfahrungswerten in Berlins Haushalten fuhr sie verständlicherweise besser, sich vor dem Kontrakt einen Eindruck zu machen. Und sie machte sich einen, ohne die Miene zu verziehen. Einen ziemlich endgültigen, wie sich im Nachhinein herausstellte. Denn am Dienstag, den sie als ersten offiziellen Arbeitstag in ihrem rosa Notizbüchlein vermerkt hatte, klingelte niemand. Nicht um zehn Uhr und auch nicht um viertel vor elf.
Dabei hatte P. am ausgemachten Tag alles sorgfältig vorbereitet, die Putzutensilien nebeneinander aufgereiht und einen Weg durch die Wäsche gebahnt, das Geschirr aber extra nicht eingeräumt – „sie muss ja was zu tun haben“. Kurzum: Die Szenerie war perfekt.
Erst um elf Uhr dämmerte es ihm. „Ich glaube“, erklärte er mir am Abend verschwörerisch, „sie hat es einfach nur so gesagt mit Dienstag, zehn Uhr. Damit ich erst gar nicht anfange zu betteln. Sie hatte nie geplant, wirklich zu kommen – ziemlich clever“, kombiniert P. Dann fängt er an zu lachen. Und kann gar nicht mehr aufhören. Denn Gewitztheit imponiert ihm. Mehr noch, als dass ihn verunsichert hätte, welchen Eindruck seine Wohnung wohl auf die Dame gemacht hatte.
Mit seiner bisher einzigen Langzeithaushilfe Miroslawa – die auch ein Faible für Leopardenmuster hatte – nahm es ein nicht ganz so jähes, aber ein unrühmliches Ende. Zu Miroslawa, nicht mehr die jüngste und eine leicht korpulente Miniaturputzkraft, hatte P. nach ein einigen Monaten ein solides Vertrauensverhältnis aufgebaut, was er so vorher noch nie gekannt hatte. Das erlaubte ihm irgendwann, sie auch ohne seine regelmäßigen Patrouillengänge im Haushalt wirbeln zu lassen. Er flanierte dann ins Café und schlürfte einen Espresso mit Blick auf mal mehr mal weniger erbauliche Berlinerinnen, vollkommen zufrieden mit sich und der Welt – und bestellte einen zweiten. Denn auf einem Bein kann man nicht stehen. So ging es einige Zeit gut. Bis eines Tages P.s Weltordnung zu wackeln begann:
Miroslawa hatte in seiner Abwesenheit Regale ausgewischt, und als sie auf der obersten Stufe der Trittleiter die Füßchen reckte, einen Plätzchenteller erspähen können: Handgemachte, liebevoll mit Schokolade überzogene Leckerbissen lagen innig beieinander und raunten Miroslawa zu, doch einfach mal hineinzubeißen.
Eine willkommene Stärkung – muss sie gedacht haben –, eins mehr oder weniger wird nicht auffallen. Vielleicht hat sie danach noch pfeifend die Badewanne ausgeschrubbt, Hieroglyphen aus Zahnpasta von den Kacheln gewischt und sich dann noch einmal der süßen Versuchung hingegeben.
Jedenfalls, als P. in Vorfreude auf eine sortierte Wohnung und abebbende Staubsaugergeräusche die Tür aufsperrte, lag ein schwer atmender Leopard quer auf dem Sofa ausgestreckt: Miroslawa hatte die Bluse ungewohnt weit aufgeknöpft und ihre kleinen Schuhe von den winzigen Füßen fallen lassen.
P.s Blick auf die Trittleiter reichte aus, um die Situation zu erfassen. Kein Burnout, kein Herzinfarkt und auch kein radikaler Verführungsversuch waren hier die zu stellende Diagnose. Zwei Wassergläser später und vier Stockwerke tiefer, die er sie stützend herunterhievte, musste er ihr gestehen, dass es sich um Haschkekse gehandelt hatte.
Miroslawa kam drüber weg, putzte sich noch viele Monate durch die mal sauberen, mal stiefelhoch mit Wäsche bedeckten Zimmerböden, und konnte dann erneut nicht widerstehen, als ein Plätzchenteller ihr zusäuselte – ganz oben, nur mit der Trittleiter und auf Zehenspitzen erreichbar. Ob es der Reiz war oder die Vergesslichkeit, kann leider nicht mehr gesagt werden. Als P. an diesem Tag die Tür in espressogestärkter Laune aufschloss, schunkelte sie, gestützt von ihrem Sohn, wortlos aus der Wohnung. Und ward nicht wiedergesehen.

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