Kolumne Grasgespraeche Illustration infused magazin
Posted on / by in.fused / in Kolumne, KOLUMNE AKTUELL

Grasgespräche • Zita kriegt das Grausen

Kolumne

Zita Cumberland

Ich bin ziemlich nah an der deutsch-holländischen Grenze aufgewachsen. Meine beste Schulfreundin R. war noch dichter dran. Sie musste vielleicht 30 Mal in die Pedale treten und stand schon im Zentrum der nächsten niederländischen Kleinstadt. Damals gab es noch kein Cannabisverbot für deutsche Kunden und dass das Mindestalter gerade von 16 auf 18 erhöht worden war, interessierte die Coffeeshopbesitzer nicht.
R. führte mich ein in die Welt des Kiffens. Ungefähr auf dem gleichen Abschnitt meines Schulwegs, auf dem meine Freundin A. mich zehn Jahre vorher sexuell aufgeklärt hatte (Ich war wie vor den Kopf gestoßen), legte mir R. meinen ersten Joint zwischen die Finger. Und da lag er gut. Das Zeug roch wie Affengehege und schmeckte noch besser. Ab da nutzten wir jede Freistunde, weil man nur dann vom Schulgelände wegdurfte, und zischten uns einen.
R. war ein Phänomen: Sie war nach den Sommerferien frisch in der neunten Klasse dazugestoßen. Ich weiß noch, wie sie mit grüner Frisur, schwarzer Kluft und einer Flunsch, die Bäume zum Biegen bringen konnte, morgens neben dem Klassenlehrer stand: ohne mit der Wimper zu zucken und ohne irgendwas zu ihrer Situation zu sagen zu haben. Damit gesellte sich der erste Gruftie in das hippie- bis snobgeprägte Gefüge unserer Klasse. Dass sie mit dem größten Humor ausgestattet war, stellte sich erst nach einer Weile heraus. Und während ich neben R. regelmäßig vor Lachen hinter dem Pult zusammenbrach, verzog sie keine Miene. Das empfand ich als hohe Kunst. Einmal schrieb sie mir ein albernes Liebesgedicht mit altertümelnden Einschlag (wir beschäftigten uns im Unterricht gerade mit Mittelhochdeutsch). Es ging um „seliges Weib“ und „Wonne entschlüpfen“. Das fand meine Mutter irgendwann im Ranzen. Und über meine Schwester erfuhr ich, dass sie Sorge hatte, ich könne lesbisch sein.
Ihre Mutter nannte uns Pat und Patachon, weil der Größenunterschied enorm und fast grotesk war. Allerdings hatte R.s Mutter selbst nicht immer einen ausgeprägten Sinn für Verhältnismäßigkeiten bewiesen – zwei Jahre später begann sie eine Liaison mit ihrem 86-jährigen Gesangslehrer, um schließlich mit dem golfenden Klaus glücklich zu werden. R.s Vater war im Nachhinein froh, hatte er doch in jungen Jahren schon zwei Schlaganfälle erlitten – nach der Trennung ging´s dann gesundheitlich bergauf.
Eines Samstagabends, R. sollte bei mir übernachten, schummelte sie unter ihrem bodenlangen Samtmantel eine Bong in mein Kinderzimmer. Auf dem bitterkalten angeschlossenen Balkon ließ sie sich nieder, zerbröselte fachmännisch ein Stückchen Peace, ließ das Feuerzeug zippen und blubberte geheimnisvoll vor sich hin. Ich, zwei Gläser fuseligen Rotwein als Grundlage, tat es ihr nach.
Was dann aber folgte, war der schrecklichste Nachtspaziergang – noch bis heute. R. verabschiedete sich in glückliche Sphären und ich bestieg gerade gegen meinen Willen die Geisterbahn des Grauens. Mein kurzes Leben ratterte wie ein Kinofilm vor meinen Augen ab. Mit geballten Fäusten schlich ich neben R. die Straßen entlang, immer darauf gefasst, zum Verteidigungsschlag auszuholen. Dann übermannten mich würgartige Wallungen: Stöhnend krallte ich mich an einem Zaunpfosten fest und hoffte inständig, Meyers oder Jansens würden nicht zufällig vorbeiflanieren und Zeuge meines apokalyptischen Jammers werden. Das Elend besiegte aber sogar die Scham und ließ mich in den nächsten Hauseingang sinken, Beine hoch gegen den schwachen Kreislauf. Da blieb nur noch, Gott um Gnade anzubetteln, mich endlich ableben zu lassen.
Aber ich überlebte und kam Stunden später halbwegs unversehrt zuhause an – gleichzeitig mit meiner großen Schwester, die noch ausgegangen war. Das rief blöderweise meine Mutter auf den Plan. R. und ich mogelten uns durch einen Wortwechsel mit ihr, die Augen krampfhaft an den Küchenboden geheftet, bis ich mich in die Badewanne verabschiedete. Und da stellte sich ein ungeheuer beruhigendes Gefühl der Erleichterung ein: Während ich minutenlang auf die Wand starrte, rastete ab einem Punkt das Getriebe sozusagen wieder ein, als würden sich die Zahnräder endlich wieder verkeilen. In dem Moment nämlich, als ich wieder zuordnen konnte, dass Fliesen Fliesen sind. Der schreckliche mentale Leerlauf überkam mich aber noch Monate später, mal kürzer, mal länger. Und ich glaube, von meinen Mitmenschen wurde das abgebucht unter „Zitas spätpubertäre Kapriziosen“, vielleicht hat es aber auch niemand bemerkt.
Als ich viele Wochen nach der Bongnummer wieder einen Zug aus dem Joint nahm, endete der Abend für mich damit, dass ich vom Discosofa göbelte – und mich aus dem Staub machte. Gar nicht meine Art. Danach gab ich das Kiffen auf, für fast 15 Jahre.
R. hat übrigens heftig weitergemacht, in jeglicher Hinsicht. Sie ließ es dann auch bleiben mit der Schule. Das war schade, denn sie war schlau. Ich weiß noch, wie ich in der 10. Klasse – ein Jahr vor ihrem Weggang – einmal zu ihr sagte: „Ich glaube, du bist die Klügste von allen“, da musste sie grinsen und schaute verstohlen-stolz zu Boden. Weil sie vielleicht ahnte, dass es stimmt.

20170609_infused_logo_MG_S-01 Grasgespräche • Zita kriegt das Grausen Kolumne KOLUMNE AKTUELL  %page

Collage: Mandy Gagelmann

Weitere Beiträge von in.fused
Zeit zu leben Anna Pasdzierny Sven Gottschling begleitet Menschen, die sterben. Auch Kinder. Seitdem er Arzt ist, setzt er Cannabinoide ein. So behutsam wie möglic...
Die Führerscheinfrage: Mit Rezept ja, ohne Rezept ... Autorin: Janika Takats Der Verlust des Führerscheins kann für die Betroffenen drastische Folgen haben. Zumindest Patienten sollen die Möglichkeit hab...
Chemotherapie erträglicher machen Autor: D. Budler Unser Autor schreibt als Betroffener: Er ist an einem Immundefektsyndrom erkrankt (CVID), zusätzlich wurde 2016 die Krebsform Morbus...
Editorial – Ausgabe 3 Meine journalistische Laufbahn begann ich damit, Interviews mit Musikern zu führen und diese unter anderem zu fragen, ob sie der Meinung wären, dass C...
Wie Dread behandelt Autor Iven Sohmann Iven entwickelt Marken für Lebens- und Genussmittel, schreibt über visuelle und verbale Sprache, ist nach zwei Zügen drei Tage du...
Techniker Krankenkasse: Der Cannabis-Report 2018 Autor: Rosemarie Binder Im April 2018 veröffentlichte die Techniker Krankenkasse mit Unterstützung der Universität Bremen erstmals einen detaillierte...
Grasgespräche • Mit Proktologen an der Bar Zita Cumberland Manchmal gehen bei mir der Drang nach einem Drink und miese Stimmung Hand in Hand. Damit ich niemand Nettes vergraule, gehe ich allei...