Autorin

Dr. Eva Milz


Rund 400 Patienten behandelt sie mit Cannabis. Damit ist sie für viele die „Cannabisärztin“ Berlins. Und weil die Forschung hierzu noch in den Kinderschuhen steckt, kann man sie guten Gewissens als Pionierin bezeichnen.

In einer Zeit, in der die krankheitsbedingten Arbeitsausfälle häufiger auf seelische als auf körperliche Erkrankungen zurückzuführen sind, nimmt der Abbau von Stress einen neuen Stellenwert ein. Es ist ein Zeichen dafür, dass es dem Individuum trotz oder wegen der vielen Ablenkungs- und Erholungsmöglichkeiten nicht mehr gelingt, zur Ruhe zu kommen. Viele Menschen erleben diesen Zustand als eine dauernde innere Unruhe und reagieren mit Schlafstörungen. Diese können sich in reduzierter Schlafdauer und häufigem Aufwachen, aber auch in Form von übermäßigem Schlafbedürfnis ohne Erholungseffekt äußern. Unbehandelt führt dauerhafter Stress zu depressiven Zuständen und Ängsten, welche wiederum Folgeerkrankungen begünstigen.
Die Auslöser für Stress sind vielfältig, ebenso die Art und Weise, wie der einzelne Mensch gegensteuert. Leider folgt dies meist dem Prinzip der kurzfristigen Symptomlinderung, das heißt, heutzutage greifen die meisten Stressgeplagten mehr oder weniger bewusst zu Alkohol oder freiverkäuflichen Einschlafhilfen. Die Anzahl derer, die abhängigkeitserzeugende Beruhigungsmittel länger als die empfohlenen zwei bis drei Wochen einnehmen und nicht mehr eigenständig absetzen können, steigt kontinuierlich an.Unbehandelt führt dauerhafter Stress zu depressiven Zuständen und Ängsten, welche wiederum Folgeerkrankungen begünstigen.

Cannabis statt Arzt?

In den letzten Monaten seit der Gesetzesänderung haben mich nun Menschen aufgesucht, die angaben, seit vielen Jahren Cannabis erfolgreich zur abendlichen Entspannung einzusetzen und deswegen kaum bis gar nicht bei Ärzten gewesen zu sein. Ob es möglich sei, nun auf eigene Kosten Cannabis aus der Apotheke zu beziehen. Die Antwort hierauf fällt zur Überraschung vieler unterschiedlich aus. Die Gesetzesänderung vom März 2017 erlaubt einen Behandlungsversuch mit Cannabisblüten und -extrakten auf privatem Betäubungsmittelrezept, wenn die bisherige Behandlung der Erkrankung — es muss also eine Diagnose geben — nicht ausreichend wirkt oder zu viele Nebenwirkungen hat. Damit die Krankenkasse die Kosten von durchschnittlich 1.000 Euro pro Monat übernimmt, müssen weitere Hürden genommen werden. Diese Kurzfassung soll nicht abschrecken, sondern zu der Frage überleiten, die ich diesen Menschen stelle:

Wogegen hilft Ihnen das THC im Cannabis?

Die erste Reaktion ist meist von Verwunderung geprägt. Na was soll denn da sonst helfen? Man kann davon ausgehen, dass diejenigen, die bereits Erfahrungen mit illegal erworbenem Cannabis gemacht haben, fast ausschließlich die Wirkung des berühmt-berüchtigten THC kennen. Das trifft insbesondere auch auf die zu, die den Konsum als sehr unangenehm erlebt haben. Die für den Freizeitkonsum gezüchteten Sorten enthalten maßgeblich THC, da es für den Rausch „zuständig“ ist und somit ein Missbrauchspotenzial besitzt. Nun ist THC deswegen kein schlechteres Cannabinoid — im Gegenteil, es hat eine Vielzahl hilfreicher Wirkweisen —, macht die Pflanze aber zu einem Betäubungsmittel. Es ist ein enormer Fortschritt für die Cannabismedizin, dass die Pflanze im vergangenen Jahr als verschreibungsfähiges Arzneimittel klassifiziert wurde und damit nicht mehr nur als Droge ohne zusätzlichen Wert für die Gesundheit gilt. Für die steten Kritiker der Pflanze, denen man an dieser Stelle eigentlich Unwissenheit vorwerfen muss, hat nur eine Umetikettierung stattgefunden. Wer Cannabis mit THC gleichsetzt, reduziert es auf seine rauscherzeugende Wirkung, eine Verharmlosung wird der Substanz allerdings ebenso wenig gerecht.

Kennen Sie Cannabidiol?

Die aktuell verschreibungsfähigen, in Apotheken erhältlichen Cannabismedikamente enthalten unterschiedliche Anteile an THC und CBD. Cannabidiol erzeugt keinen Rausch, sondern bewirkt eine Entspannung, die auf angstlösende und muskelentspannende Eigenschaften zurückzuführen ist. Wegen seiner rauschunterdrückenden Eigenschaft ist es für den Freizeitkonsumenten unattraktiv und daher auf dem illegalen Markt in Cannabisblüten nahezu nicht zu finden. Auch die Patienten wissen meist nicht um das zusätzliche Wirkpotenzial. CBD in seiner Reinform ist bereits so gut erforscht wie THC und besitzt eine Vielzahl medizinischer Eigenschaften. Am bekanntesten ist wohl die Wirkung gegen seltene Formen der Epilepsie sowie in Kombination mit THC gegen Symptome der Multiplen Sklerose. Es wirkt günstig auf das Immunsystem und entfaltet je nach Dosierung entspannende, angstlösende, antidepressive und sogar antipsychotische Eigenschaften.

In geringen Mengen erlaubt

Da es kein Betäubungsmittel ist, darf es als Extrakt — welches meist aus Faserhanf gewonnen wird — mit einem THC-Gehalt bis zu 0,2 Prozent als Nahrungsergänzungsmittel in den verschiedensten Varianten angeboten werden. In der Schweiz ist es bereits möglich, Cannabisprodukte mit einem THC-Gehalt von bis zu 1 Prozent zu erwerben. Nun liegt es mir fern, auf einen noch sehr undurchsichtigen Markt zu verweisen. Es sollte aber aufzeigen, dass es möglich ist, das Wirkpotenzial von Cannabidiol und weiteren Cannabinoiden und sekundären Pflanzenstoffen ohne einen zwingend hohen THC-Gehalt mit der „Gefahr“ des Rauscherlebens auszuprobieren. Dies werden Interessierte hoffentlich bald mit gut deklarierten Produkten aus kontrollierter Quellen zu einem erschwinglichen Preis tun können. Das gilt ebenso für Patienten, die aufgrund fehlender Vorbehandlung noch nicht das Betäubungsmittel THC verordnet bekommen dürfen.

Was tun Sie für die Befeuerung Ihres Endocannabinoidsystems?

Endocannabinoide sind körpereigene Cannabinoide, die mit einem Netzwerk von biochemischen Rezeptoren reagieren. Sie werden in erhöhtem Maße produziert, wenn der Organismus aus dem Gleichgewicht zu geraten droht. Hierzu benötigt es neben ausreichender Bewegung auch eine ausreichende Trinkmenge und einen geregelten Schlaf. Auch Meditation und Yoga sowie genussbezogene Aktivtäten sind förderlich. Gleichsam ist es möglich, durch Maßnahmen, die ab dem 19. Jahrhundert als Psychohygiene bezeichnet wurden, dem System zu helfen. Hierbei gilt es, die individuellen Belastungen des Alltags, sogenannte Stressoren, zunächst als solche zu erkennen, um ihnen begegnen zu können. Nicht immer sind diese offensichtlich und werden erst deutlich, wenn die üblicherweise eingesetzten Substanzen oder Strategien nicht mehr verfügbar sind oder zusätzliche Ereignisse oder Beschwerden eintreten.

Mangel an Cannabinoiden

Leider wurde der Begriff der „Psychohygiene“ im nationalsozialistischen Kontext zeitweise missbraucht. Die Idee von der Vorbeugung seelischer Versehrtheit blieb erhalten, in der Folge entstand der Begriff Salutogenese. Im Gegensatz zur Pathogenese, der Entstehung von Krankheit, wird bei der Salutogenese die Gesundheit fokussiert. Sie soll nicht als ein Zustand betrachtet werden, sondern als ein Prozess, den man aktiv mitgestalten kann. Schlussendlich ist Resilienz ein Ausdruck für die eigene Widerstandskraft, sich gegen Belastungen und Anforderungen zu wehren, beziehungsweise sie zu bewältigen. Auch dies ist eine seelische Leistung, die für einige Menschen schwieriger zu erreichen ist als für andere. Es ist zu vermuten, dass es Mangelzustände gibt, die nur durch die äußere Zufuhr von Cannabinoiden, die an den gleichen Stellen andocken, überwunden werden können — ähnlich dem Zuckerkranken, der neben anderen regulierenden Maßnahmen schlussendlich noch Insulin benötigt. Dies trifft aber nicht auf die Mehrzahl der von Stress Betroffenen zu. Dass psychische Belastungen auch am Arbeitsplatz auftreten und krankmachen können, ist ein Umstand, dem seit einigen Jahren mit einer berufsgenossenschaftlich auferlegten Gefährdungsanalyse Rechnung getragen wird. Es gilt allerdings abzuwarten, ob es zukünftig auch ausreichend Maßnahmen geben wird, die erkannten Gefährdungsaspekte abzubauen. Nichtmedikamentöse Ansätze zum Stressabbau sind wichtige Instrumente, die nicht nur durch Umbenennungen wieder ins Bewusstsein gerückt werden sollten.

Und zur Entspannung?

Die Einordnung von Cannabis entweder als reine Entspannungsdroge oder die Akzeptanz als Medizin hängt auch von der persönlichen Sozialisation sowie den beobachteten oder sogar eigenen Konsumerfahrungen ab. Es ist leicht nachvollziehbar, dass ein ängstlicher Mensch, der in einer repressiven Umgebung illegal erworbenes Cannabis konsumiert, die rauschhafte Wirkung anders erlebt als ein risikofreudiger. Insbesondere der zu Beginn der THC-Wirkung schneller werdende Herzschlag wird von einigen bedrohlich, von anderen wiederum als euphorisierend wahrgenommen. Diese unkontrollierten Erstversuche prägen die weitere Einstellung zu der gesamten Pflanze. Dies ist allerdings nur dann tragisch, wenn es dem Individuum zu späterer Zeit den Einsatz nachhaltig verleidet hat oder wenn es sich um einen Entscheider im Gesundheitssystem handelt.