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In der Schwebe

Ausgabe 5 – IM STRESS

Autor

Maximilian Plenert


Maximilian Plenert ist studierter Physiker und Cannabispatient.

Beim Thema Cannabis als Medizin macht ihm keiner etwas vor.

Viele der Menschen, denen Cannabis als Medizin helfen könnte, wissen dies noch nicht einmal. Selbst wenn sie es vermuten, ist kaum allgemein bekannt, dass und welche Möglichkeiten es heute gibt, eine Therapie mit Cannabis zu erhalten. Ansprechpartner wie Ärzte und Krankenkassen nennen oft keine oder falsche Informationen. Patienten berichteten von pauschaler Ablehnung und beendeten Telefonaten, wenn sie in der Arztpraxis Cannabis thematisierten. Einige Patienten erlebten verbale Verurteilungen oder man unterstellte ihnen eine Cannabisabhängigkeit. Und manche wurden von ihrem langjährigen Arzt sogar mehr oder weniger freundlich rausgeworfen. Die Kommunikation wird durch die Umkehrung der gewohnten Verhältnisse nicht einfacher: Denn wenn es um Cannabis geht, müssen oft Patienten ihre Ärzte aufklären.

 

Haftung der Ärzte

Auch Bedenken von Ärzten muss man anerkennen und respektieren. Ein Arzt sollte schließlich nach bestem Wissen und Gewissen handeln und sich zudem an die gesetzlichen Regelungen halten. Tut er dies nicht, drohen ihm berufliche und finanzielle Strafen. Daher macht es wenig Sinn, seinen Arzt zu einer Therapie mit Cannabis zu zwingen.
Für jede Therapie und damit jedes Rezept haftet der Arzt. Im Streitfall reicht es nicht, nach besten Wissen und Gewissen gehandelt zu haben. Normalerweise verschreiben Ärzte Medikamente, die in medizinischen Leitlinien empfohlen werden. Diese Medikamente haben einen Beipackzettel und sind für die jeweilige Diagnose zugelassen. Bei Cannabisblüten trifft davon vieles nicht zu. Der Arzt kann sich aber mit einem ausführlichen und dokumentierten Aufklärungsgespräch rechtlich absichern.

 

Evidenz

Bei Cannabis stehen wir vor einem Dilemma. Während es kaum klinische Studien zu einzelnen Diagnosen gibt, bei denen Cannabis wirksam eingesetzt wird, sind Risiken gut erforscht. Auf der anderen Seite gibt es unzählige positive Patientenerfahrungen.
Die Evidenzbasierung von ärztlichem Handeln bedeutet die Nutzung der bestmöglichen Evidenz, und nicht, dass „nur klinische Studien zählen“. Ärzte dürften aber nicht einfach aus Mangel an Studien das medizinische Handeln unterlassen und einen individuellen Therapieversuch deswegen gar nicht in Erwägung ziehen.
Zusammenarbeit zwischen Arzt und Patient ist also angesagt. Die besteht auch darin, den manchmal floskelhaften Pauschalaussagen gewappnet zu sein – mit Faktenwissen. Im Folgenden ein paar originale Arztzitate, die jedem so begegnen können:

Das kann nur ein Schmerztherapeut verschreiben. Ich verschreibe keine Betäubungsmittel und habe nicht einmal die Voraussetzungen dafür.

Bewertung: Mythos: 95 Prozent, Aufwand: 5 Prozent.
Jeder Arzt in Deutschland (abgesehen von Zahnärzten) darf ein Rezept für Cannabis ausstellen. Dafür benötigt er Betäubungsmittelrezepte, die von der Bundesopiumstelle bereitgestellt werden. Nicht jeder Arzt hat BtM-Rezepte, kann sie aber beantragen. Die meisten Psychiater und Schmerzmediziner benötigen sie im Arbeitsalltag, andere Fachärzte aber praktisch nie.

Ich darf Ihnen gar kein Medizinalcannabis verschreiben. Hanf ist eine illegale Droge.

Bewertung: 100 Prozent unwahr.
Auch heute gibt es noch Ärzte, die das neue „Cannabis-als-Medizin-Gesetz“ nicht oder nur vage kennen. Daher gehört eine ausgedruckte Version des Gesetzes zur „Grundausstattung“ bei der Arztsuche. Zu finden ist es im Bundesgesetzblatt Jahrgang 2017 Teil I Nr. 11, ausgegeben zu Bonn am 9. März 2017, Seite 403. Auch andere Berufsgruppen, die Bescheid wissen sollten, wie Krankenkassenmitarbeiter und Polizisten, haben hier Wissenslücken mit mannigfaltigen Problemen in der Praxis.

Damit möchte ich nichts zu tun haben.

Bewertung: Eine Aussage, die bei anderen, anerkannten Schmerzmitteln undenkbar wäre. Sie sagt viel über das Selbstverständnis des Arztes aus. Hier gilt es, den Arzt an die moralischen und ethischen Grundsätze seines Berufsstands zu erinnern.

Wenn ich Ihnen das jetzt verschreibe, kommen morgen Hunderte Kiffer zu mir, und ich bin als Hanfarzt verschrien.

Bewertung: Das sollte kaum ein Argument sein bei einem Patienten, den man unter anderen Umständen behandeln würde. In der Vergangenheit gab es das Problem, dass sich einzelne Ärzte als offen gegenüber Cannabis geoutet haben, und diese danach quasi überrannt wurden. Inzwischen ist die Zahl der Ärzte, die eine Cannabistherapie verschreiben, stark angestiegen. Allgemeinmediziner und Schmerztherapeuten müssen nicht mehr mit Patienten rechnen, die aus dem gesamten Bundesgebiet angereist kommen.

Medizinalcannabis kann meinen Patienten schizophren machen oder andere psychische Probleme verursachen.

Bewertung: Wie bei vielen Medikamenten gibt es bei Cannabis Gegenanzeigen bei psychischen Erkrankungen. Besondere Vorsicht beim Einsatz von THC ist bei einer Schizophrenie- oder einer anderen psychotischen Erkrankung (beim Patienten oder in der Familie) geboten. Eine strenge Indikationsstellung sollte beim Vorliegen einer Abhängigkeitserkrankung oder bei erheblichen psychischen Störungen erfolgen. Dies gilt explizit nicht für Depressionen aufgrund der Grunderkrankung.

Sie wollen doch nur kostenlos kiffen!

Bewertung: Denkbar, aber in der Praxis höchst unwahrscheinlich. Dass Patienten sich ein Rezept erschleichen wollen, ist kein Cannabis-spezifisches Problem. Insbesondere Psychiater und Schmerzmediziner kennen das Phänomen nur zu gut und setzen ihren Rezeptblock verantwortungsvoll ein, insbesondere bei einem Betäubungsmittel. Ohne wirklich krank zu sein wird man keine Kostenerstattung durch die Krankenkasse genehmigt bekommen.

Die meisten Cannabispatienten sind gar nicht krank.

Bewertung: Nicht allen sieht man es an. Viele langjährige Patienten haben einen Umgang mit ihrer Krankheit erlernt. Andere setzen Cannabis nicht bewusst, sondern unterbewusst als Selbstmedikation ein und dies für Krankheiten, die mitunter noch nicht diagnostiziert wurden.

Der Patient ist abhängig von Cannabis oder könnten es bei einer Therapie werden.

Bewertung: Cannabis, das von einem Arzt verschrieben wird, macht bei einem bestimmungsgemäßen Gebrauch nicht abhängig. Die Fachinformationen der beiden Cannabismedikamente Dronabinol und Sativex sprechen hier eine eindeutige Sprache: Das Abhängigkeitspotenzial von Dronabinol ist gering und praktisch ohne Bedeutung. Ein plötzliches Absetzen von Sativex kann zu Problemen beim Schlaf, Appetit oder bei der Gefühlsbewältigung führen.

Ich weiß nicht, wie ich Ihnen Medizinalcannabis verordnen kann. Es ist ein hoher bürokratischer Aufwand.

Bewertung: Cannabispatienten sind zeitintensiv. Sie haben meist schon einen langen Weg hinter sich mit Aktenordnern voller Diagnosen und Arztberichten. Ebenso ist die Therapie mit Cannabis inklusive Begleiterhebung, Kostenantrag und Hilfe beim Kampf gegen die Krankenkasse Aufwand.

Zeit ist ein wertvolles Gut und ausführliche Gespräche mit den Patienten werden von den Kassen nicht erstattet. Jeder Patient, dem mehr Zeit eingeräumt wird, schmälert das Zeitfenster der anderen. Wenn Patienten dann mit dem ungewöhnlichen Anliegen Cannabistherapie kommen, muss sich der Arzt – egal wie aufgeschlossen er gegenüber dem Thema ist – genau überlegen, ob er dafür die Kapazitäten hat. Das gleiche gilt für die Zeit eines Arztes, die er für Fortbildungen hat.

Ich fürchte Regress der Krankenkasse bei einer solch teuren Therapie.

Bewertung: Hierbei handelt es sich um ein echtes Problem. Verschreibt ein Arzt Medikamente und überschreitet mit den Kosten das ihm zur Verfügung gestellte Budget, muss er dies gegenüber den Krankenkassen rechtfertigen. Falls Cannabis nicht wie andere teure Medikamente vom Budget ausgenommen wird, droht Ärzten, die Cannabisblüten an viele Patienten verschreiben, Regressforderungen. Im Extremfall haften sie mit ihrem privaten Vermögen und müssen Privatinsolvenz anmelden.

Cannabis ist eine Einstiegsdroge.

Bewertung: Mythos.
Diese Behauptung hält sich leider beharrlich. Empirische Beweise konnten über Jahrzehnte nicht gefunden werden.

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