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Halblegal in NYC

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Michael Gärtner

Warum New Yorker genauso wie Deutsche oft den Schwarzmarkt der Apotheke vorziehen, erfährt unser Gastautor am Madison Square Garden.

Nehmen wir für unseren Vergleich mit der deutschen Cannabispolitik mal New York State und die dazu gehörende Ostküsten-Metropole New York City. Im Oktober 2017 verkündete die Online-Version des amerikanischen Magazins „High Times“, dass es inzwischen relativ einfach sei, in New York eine Medical-Marijuana-Card zu erhalten. Wie man zum lizensierten und registrierten Patienten des New Yorker Cannabis-Programms wird, legt der Text dar. Trotzdem vermutet der Schreiber des Artikels hinter dem Leser einen illegal konsumierenden Grasraucher. Weil der medizinische Weg den meisten eben doch zu langwierig und teuer ist – und Cannabis in Blütenform wird ohnehin nicht angeboten.

Zu den Fakten: Der Staat New York verabschiedete 2014 die Assembly Bill 6357. Das „einfache Gesetz“ legalisiert THC-haltige Produkte, indem sie diese unter die Kontrolle des staatlichen medizinischen Cannabis-Programms stellt. Dabei weist das „New-York-Medical-Marijuana“-Programm strenge Anforderungen auf. Eine der Patientenkategorien, die neuerdings in den Genuss von medizinischem Cannabis kommen können, ist aber der Dauerschmerzpatient.

Gras gegen die Opioid-Krise

Gerade erst hatte US-Präsident Donald Trump den medizinischen Notstand über seine Nation verhängt, da eine Opioid- und Heroinschwemme mit bis zu über 30 Toten täglich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten von innen aushöhlt. Die Schwemme von opiodbasierten Mitteln wie „Oxycodon“ und „Oxycontin“ ist in erster Linie hausgemacht, da die Hürde für die Ärzte, diese Mittel zu verschreiben, recht niedrig ist, der Suchtfaktor aber immens. Sobald die Mediziner die starken Schmerzmittel einmal nicht mehr verschrieben, suchten die abhängigen Patienten Abhilfe auf dem Schwarzmarkt, wo das illegal in Mexiko oder sonst wo produzierte Heroin feilgeboten wird. Viele Süchtige stiegen so von den Tabletten auf das günstigere und zugleich potentere Heroin um.

Die Missstände könnten durch die Legalisierung von „Medical Marijuana“ gelindert werden, denn Dauerschmerzpatienten können nun legal mit THC-Produkten ihre Schmerzen bekämpfen, ohne Gefahr zu laufen, süchtig zu werden und gravierende gesundheitliche Schäden davonzutragen.

Kiffen auf Rezept – nicht in NY

Wie erhalten Patienten in New York State die medizinische Berechtigung, Cannabis zu konsumieren? Verschiedene Varianten sind denkbar. Telemedizin- und Online-Anbieter für Cannabisauswertungen aus Kalifornien wittern neue Geschäftsfelder, indem sie den New Yorkern beim Erhalt der Karte behilflich sind. Können auch deutsche Touristen sich hier um medizinisches Gras bemühen? Oder ist Gras in New York teillegal oder zumindest entkriminalisiert? Weder noch, denn es gibt keine ernstzunehmenden politischen Pläne, Cannabis in New York zu legalisieren – und lediglich in New York State ansässige Personen haben das Anrecht auf medizinisches Cannabis. Patienten hingegen haben keine strafrechtlichen Sanktionen mehr zu befürchten, solange sie einen schriftlichen Genehmigungsbrief ihres Arztes vorweisen können.

Nur fünf registrierte Organisationen dürfen gemäß Assembly Bill 6357 die Herstellung, den Verkauf und die Verteilung von Grasprodukten übernehmen. Die Hürde in New York State für „Medical Marijuana“ ist durchaus mit den juristischen und formalen Barrieren in Deutschland zu vergleichen. Gras gibt es überhaupt keines auf Rezept, aber Flüssigkeiten, Vape-Öl, Inhalatoren und Tabletten. Rauchen oder Essen von Cannabis ist in New York sogar den Patienten nicht gestattet, was de facto eine restriktivere Handhabung als in Deutschland bedeutet. Patienten dürfen zudem kein eigenes medizinisches Cannabis anbauen.

Sanfte Entkriminalisierung

Also alles unbefriedigend? Nicht unbedingt, denn bisher wanderte man in New York bereits für eine kleine Menge Gras in den Knast. Es findet eine schrittweise, sanfte Entkriminalisierung statt. Wird man nämlich heute in New York mit einer kleinen Menge Gras erwischt und es ist das erste Mal, dann behandelt der Staat es wie eine kleine Verkehrsübertretung. Wird aber eine gewisse Menge an Gras überschritten, erfolgt nach wie vor eine Anklage mit einer möglichen Haftstrafe.

Unamerikanisch schlicht

Wie sieht es mit der Akzeptanz von medizinischem Cannabis aus? Beim Besuch von Manhattan fällt auf, dass es für weit über 1,5 Millionen Menschen nicht einmal eine Handvoll „Dispensaries“ gibt. Im November 2017 warte ich vor der Dispensary „Columbia Care New York“ (212 East, 14th Street, New York, NY 10003) und weiteren ebensolchen Einrichtungen ewig, bevor ich bedient werde.

Auffällig ist die fehlende Leuchtreklame an den Verkaufsstellen. Das kenne ich aus Staaten, in denen medizinisches und oder Freizeit-Cannabis legalisiert ist, anders. Wer in Kalifornien, Colorado oder Nevada war, weiß, dass die Dispensaries dort wie Weihnachtsbäume blinken und massiv beworben werden. Entsprechend mau ist der Publikumsverkehr in den New York City Dispensaries – und zwar ohne Ausnahme. Es fällt schwer, überhaupt Gesprächspartner zu finden. Die Situation erinnert an Deutschland: Dort herrschte ursprünglich ein unglaublicher Hype, als medizinisches Cannabis zugelassen wurde. Bis heute gibt es aber kaum Ärzte, die bereit sind, Cannabisrezepte auszustellen; das medizinische Cannabis ist – verglichen mit den Schwarzmarktpreisen – sehr teuer; in den Apotheken kommt es immer wieder zu Lieferengpässen.

Kleiner Austausch mit Kiffern

Im Gespräch mit New Yorkern stellt sich heraus, was ein weiterer gravierender Punkt ist, der gegen medizinisches Cannabis spricht. „Wieso ist medizinisches Cannabis in NYC so unbeliebt?“, möchte ich von zwei der Tausenden Fans von „Dead & Company“ wissen, die sich vor dem Madison Square Garden versammelt haben und Gras rauchen.

Mike, Apotheker im Big Apple, kennt sich aus: „Für 20 Millionen Menschen in New York State gibt es nur 800 zugelassene Cannabis-Ärzte“, erklärt er. „Bis du den Wisch hast, kostet dich das mindestens 250 Dollar. Das ist viel Geld. Und das Zeug, das die Dispensaries verkaufen, ist sauteuer. Der Witz ist, dass das Gesetz es verbietet, dass die Verkaufsstellen was zum Rauchen verkaufen. Es gibt nur THC-Öle und so“. „Erschwerend kommt hinzu“, schaltet sich der zurzeit arbeitslose Buchhalter Russel in das Gespräch ein, „dass ich bei meinem puertoricanischen Dealer viel mehr gutes Zeug für mein Geld bekomme. Und der lässt es mir – ähnlich wie bei einer Pizza-Bestellung – umweltfreundlich per Fahrradkurier nach Hause liefern. Das ist bequem und kundenorientiert.“

Dealer bevorzugt?

Zu teuer, zu umständlich, nicht genügend und nur in begrenzter Auswahl verfügbar. Diese Ansicht begegnet einem öfter, wenn man mit den New Yorkern über medizinisches Cannabis spricht. Und trifft dies nicht irgendwie auch auf Deutschland zu? Kaufen viele deutsche Konsumenten bzw. Patienten nicht nach wie vor die günstigeren THC-Produkte illegal beim Dealer ihrer Wahl? Und liegt dies nicht – ebenso wie in NYC – an den hohen formalen Hürden, unzureichend aufgeklärten Ärzten, zu hohen Apothekenpreisen und Unsicherheiten bei der Kostenübernahme durch die Krankenkasse? An all diesen Faktoren gilt es sowohl in New York State als auch in Deutschland zu arbeiten.

 

Bildquelle: in.fused, sens media

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