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Grasgespräche • Budporn oder Buttporn?

Kolumne

Zita Cumberland

Gestern war ich auf einer Party einer Freundin in Berlin-Mitte. Wenn S. einlädt, taucht garantiert über kurz oder lang L. auf, ein Fotograf um die 40. Wir begegnen uns nie außerhalb dieser Einladungen. Und wenn wir uns dann unterhalten, kommen wir früher oder später auf das Thema Gras zu sprechen. L. hatte vor Monaten bei S.‘ sommerlicher Grillsause erzählt, dass er sich einen Vaporizer zugelegt hat. Den nutzt er jetzt aber gar nicht, weil das „Hasenheide-Gras“ ihm Kopfschmerzen macht. Also liegt das teure Ding nutzlos in der Schublade. „Ich überlege gerade“, meinte er nachdenklich, „ob ich mir ein paar Samen kaufe und ein Pflänzchen im Zimmer wachsen lassen“. Ich bezweifelte, dass das so einfach sei: „Das riecht aber extrem – und du brauchst Licht“, wandte ich ein. Das schien L. aber schon durchdacht zu haben: „Ach, bei mir ist es hell – und die riechen doch erst, wenn Blüten dran sind … also die Buds“. Beim letzten Wort regte sich etwas in seinem Gesicht, das ich so schnell nicht einordnen konnte. Als strahlte und schämte er sich gleichzeitig. Ich musste kichern.

„So heißen die doch, oder?“, fragte L. verunsichert, „also nicht Butt mit Doppel-T, meine ich.“ Er verdrehte geniert die Augen. Jetzt konnte ich mir ein verräterisches Prusten nicht mehr verkneifen: Ich selbst hatte gerade vor zwei Tagen erst Budporn gegoogelt, um mich in die Materie zu vertiefen. Nicht die Schönheit der Blüte hatten es mir angetan, sondern dass Jungs den Verstand verlieren, wenn sie einen fetten Bud nur betrachten.

Meine Bildersuche ergab erstaunlich wenig menschliche Butts auf dem Monitor, sondern einfach hochaufgelöste Nahaufnahmen von Cannabisblüten. Als ich L. erzählte, dass es ausführliche Forumsdiskussionen gäbe darüber, welcher Budshot das meiste Wasser im Mund zusammenlaufen lässt, atmete er schwer und lange aus. Er war ganz offensichtlich erleichtert, nicht allein zu sein mit seiner etwas schrägen Faszination. So erleichtert sogar, dass er nach einem Räuspern konspirativ die Stimme senkte und verriet, wie er es als Fotograf angehen würde, „die prallen, von Harz triefenden Objekte in Szene zu setzen“, so drückte er sich aus. Dabei vergrößerten sich die Augen hinter der Architektenbrille und seine Aussprache gewann an Feuchtigkeit, während ich hektisch an meinem Drink schlürfte.

Können Frauen eifersüchtig werden wegen Typen, die „fremde“ Buds gierig anstarren und sie sich als knittriges Poster übers Bett hängen? Oder haben solche Typen gar keine Frauen?

Manche glauben, alles ließe sich noch potenzieren aus der Kombination von beidem – hat meine erweiterte Googlerecherche ergeben, und bin dann auch auf die Fotos gestoßen, wo Buds und Butts aufeinandertreffen, wo die Bong ihrer phallischen Form gerecht wird und Frauen sich die zackigen Blätter vor die Brüste halten oder sich Gras in den Schoß krümeln und kulleräugig nach oben blicken. Oder sie stehen in Fußballstrümpfen zu dritt im dichtgewachsenen Marihuanafeld und legen ihre langnageligen Finger auf die Butts der anderen.

Ob das den Reiz nun zusätzlich steigert oder nicht. Tatsache ist, dass Männer eine ziemlich geschickte Methode haben, Porno zu konsumieren. Die ihnen das beruhigende Gefühl gibt, alles im Griff zu haben. Das habe ich mal in der „Zeit“ gelesen. Erstens stand da, dass Frauen ein Bild von einem nackten Mann per se nicht erregt – sie müsse erst den Mann ein wenig erzählen hören. Das brauchen Männer nicht.

Und dann würden Männer, wenn sie Sexszenen schauen, sich den männlichen Protagonisten einfach wegdenken – schwupps – und sich selbst an seine Stelle träumen und in Gedanken selbst das „Ruder“ in die Hand nehmen. Frauen versetzen sich wiederum in die Rolle der Protagonistin, fühlen quasi mit ihr mit. Jedenfalls fixieren beide sich auf die Frau – unter unterschiedlichem Vorzeichen.

Aber in einen Bud kann und möchte sich keine Frau hineinversetzen. Dafür gibt es vermutlich nicht einmal einen Fetisch. Während ein Typ vielleicht gerne mit der Illusion einschläft, dieses prächtige Exemplar eines Buds auf dem Poster über seinem Bett selbst gesät, gezogen und geerntet zu haben. Gedanklich stupst er die klebrigen Trichome an, die ihm anzeigen, wann es Zeit für die Ernte ist. Wann die Blüte bereit ist.

Das ist doch wunderschön und rührend, so eine zärtliche Liebe zu Pflanzen. Zumindest eine Weile lang. Danach wäre es angebracht, die Begierde zu kanalisieren – indem man sich spezialisiert, also entweder aufs Growen oder auf Frauen. Oder nicht? In den passenden Foren werden einem die Grapschfinger schnell ausgetrieben: Im Online-Artikel zu den „typischen Fehlern beim Indoor-Grow“ musste ich lesen: „Auch falsch: ständiges Rumfummeln an den Buds. Lass sie in Ruhe.“

Ist also ein häufiger Anfängerfehler. Die Kunst ist wahrscheinlich der Schritt von der Gier zum Genuss. Dafür braucht es ein bisschen Abstand und Weitsicht. Und das gilt für Butt und Bud – und tausend andere schöne Dinge.

 

Bildquelle: Adobe Stock, redbool

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