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Grasgespräche • Wiener Zuckerl

Kolumne

Zita Cumberland

Neulich bin ich für ein verlängertes Wochenende nach Wien geflogen, zum reinen Vergnügen – das war zumindest der Plan. Aber als ich donnerstagabends das eilig gestopfte Köfferchen und meine neue Handtasche schnappte, um zur U-Bahn zu stolpern, hätte ich viel lieber was anderes gemacht: mich in mein weiches großes Bett fallen zu lassen und nüscht.

Das würde schon verfliegen, dachte ich, wenn ich erst mal auf der Terrasse meiner Freunde im 16. Bezirk sitzen würde. Da scheint die Sonne immer. Ich habe es nie anders erlebt. Und mich verwöhnen lassen mit Konfitüren aus dem ungarischen Nachbarland.

Ein Keks liegt parat

Aber am Freitagmorgen wachte ich in den schneeweißen gestärkten Wiener Bettlaken genauso erschlagen auf, wie ich am Abend hineingesunken war. Ich schlurfte ins Bad und fand die Wohnung leer vor, beide waren ausgeflogen in Bibliotheken und Büros. Aber ein Keks lag parat, extra für mich.

Hier siehts immer so aus, als hätte eine Edelputzkolonne vor einer Sekunde die Türe sanft in Schloss fallen lassen. Im Umkehrschluss hinterließ ich mit jeder Bewegung sichtbare Spuren, eigentlich sobald ich die Augen öffnete. Und nach einem Earl Grey mit einem halben Keks im Sonnenschein, einer ausgiebigen Dusche und halbherzigen Streckübungen ließ ich meine Blicke schweifen – und was sah ich? Eine kleines Chaos! Nichts erinnerte daran, dass ich einmal nicht hiergewesen war.

Die Spuren zu beseitigen dauerte bis mittags. Und gerade als ich – gesattelt und gespornt mit luftigem Kleid und Wu-Tan Clan im Kopfhörer – abzischen wollte, knallte der Keks rein.

Immer im Kreis mit der Straßenbahn

Umso besser, dachte ich und lief zur Tramhaltestelle. Keks macht mir ein warmes Gefühl in Magen und Kehle und immer gute Laune – und manchmal frage ich mich, warum ich ihn nicht in meiner alltäglichen Frühstückskost unterbringe.

Warum, wurde mir aber dann später klar, als ich an der Halte Ottakring aus- und in irgendeine Straßenbahn einstieg, die mir sympathisch erschien. Die fuhr mehrmals im Kreis – und ich sah tatenlos zu. So kam ich aber nicht voran. Erst nach intensiver Beschäftigung mit dem ausgehängten Fahrplan im Abgleich mit der Kaffeehausadresse, die mein Gastgeber mir geschickt hatte, klappte es. Auch ohne App.

Und eine Stunde später saß ich, wo ich hinwollte: Im grantigsten Kaffeehaus der Stadt, das selbst dem ungeschlagenen Misanthropen Thomas Bernhard eine wohlige Heimat geboten hatte: dem Bräunerhof. Nicht, um mich etwa der hohen Kunst der Wiener Schikanerie auszusetzen, sondern um ein bisschen zu gaffen, wie die anderen sich das bieten ließen.

Die wohlverdiente Bestrafung abholen

Als Deutscher gilt es ja als touristische Gepflogenheit, sich in Wiener Kaffeehäusern traktieren zu lassen. Davon wurde ich schon mehrfach Zeuge: In gebrochenem Wienerisch bestellen die Bildungsbürger wahlweise einen „kleinen Braunen“ oder eine Melange, Sachertorte mit Schlagobers – und dann warten sie auf ihre wohlverdiente Bestrafung. Dass die kommt, so viel ist sicher: Nach grotesk langer Wartezeit und mit verdrehenden Augen knallt der Kellner das Bestellte auf den Tisch. Mit etwas Glück lässt er beim Abgang noch einen raunzigen Kommentar vom Stapel.

Und was macht der deutsche Urlauber? Er freut sich, zwinkert seiner Frau konspirativ zu und widmet sich mit Genugtuung der großblättrigen Tageszeitung, nicht ohne ab und zu hinüberzulinsen und sich an den weiteren Unverschämtheiten des Personals zu laben.

Donauwelle oder Malakofftorte?

Im Bräunerhof bekam ich heute keine Show geliefert. Zwischen Normalos und Gestalten, die gerade der Wiener Unterwelt entstiegen waren, tauchten zwei ehrerbietige Literaturtouristen in Sakralstimmung auf. An den Schikanen waren sie gar nicht interessiert, wie mir schien. Denn sie zuckten regelrecht zusammen, als der Ober ihnen die Menükarten auf den Tisch schmiss.

Ich bestellte in scharfem Ton – der mich selbst überraschte – berlinerschnauzenmäßig einen Espresso mit Donauwelle und lehnte mich zurück. Die kam zwar nicht in Nullkommanix, aber etwa eine Dekade vor den Malakofftorten der zwei Bücherwürmer. Alles andere wäre aber wahrscheinlich auch berufsschädigend gewesen.

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