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Grasgespräche • Kleiner Gärtnerschock

Kolumne

Zita Cumberland

Letzten Samstag war ich auf einem Kindergeburtstag eingeladen. Beziehungsweise natürlich nicht ich, sondern mein siebenjähriger Sohn. Aber: mitgehangen, mitgefangen. Obwohl das Geburtstagskind im beschaulichen und üppig grünen Südwesten Berlins wohnt, fand die Party in Kreuzberg statt, bei 30 Grad in einer Kletterhalle.

Das Geschenk – ein solides Krokodil von der schwäbischen Firma Schleich – hatten wir am Vormittag besorgt. Es hatte ein bewegliches Kiefergelenk, was die scharfen Zähne zum Vorschein brachte. Das überzeugte am Ende auch meinen Sohn, der sich mit einem geseufzten „Naaa guut“ von den Ninja-Legos und Autokatapulten mit kurzer Lebensdauer trennte.

Tesafilm in rauhen Mengen

Ob es jemanden gibt, der ein Krokodil schön einpacken kann? In ergänzender Teamarbeit an Rossmanns Verpackstation brauchten wir immerhin an Tesafilm nicht zu sparen. Und am Ende erahnte man nicht im Geringsten, was sich in dem bombensicheren roten Papierknäuel versteckte – und das ist doch Sinn und Zweck von Geschenken: ein spannendes Auspackerlebnis zu schaffen. Allerdings sollte die Qualität der Verpackung zum Inhalt passen (meine Schwester musste mal ein Korkarmband aus einer edlen Schmuckschatulle ziehen).

Zum Glück stand mir heute ein Auto zur Verfügung. GoogleMaps schätzte die Fahrtdauer auf 22 Minuten, hatte aber die Rechnung ohne die Kurden gemacht. Die demonstrierten am Mehringdamm und brachten mithilfe von polizeilichen Umleitungsvorschlägen den Verkehr zum kompletten Erliegen. Ihr gutes Recht – zu einem ungünstigen Zeitpunkt allerdings.

Söhnchen und ich steckten fest in einer Blechlawine. Die Zeit drängte, die Tanklampe bat blinkend um Aufmerksamkeit und in mir kroch die Panik hoch. „Komm, lass uns einfach aussteigen und nach Hause laufen“, meinte ich zu meinem kleinen Fahrbegleiter. Der blieb erstaunlich sachlich und überzeugte mich mit wenigen Worten, dass Weglaufen keine Lösung ist.

Michael Douglas ist kein gutes Vorbild

Und bevor ich wie Michael Douglas in „Falling down“ der Flucht aus dem Stau einen Fußmarsch der Zerstörung folgen ließ, besann ich mich. (Douglas – auf dem Weg zum Kindergeburtstag seiner Tochter – fährt immer massivere Waffen auf, um seinem Ärger Luft zu machen. Krönung ist die Panzerabwehrrakete, die er durch eine Straßensperre jagt.)

Anstatt es ihm also gleichzutun, kamen wir verspätet und verschwitzt, aber waffenlos in der Kletterhalle an. Ich ließ mich in die Besuchercouch plumpsen, bekam Kaffee und Käsekuchen serviert und schämte mich nur bei dem Gedanken an Panzerfäuste.

Die anderen Papas und Mamas waren gut aufgelegt und gingen bereitwillig auf mein Bedürfnis nach Nonsensgesprächen ein. Und während die Jungs und Mädchen sich in Gymnastikschuhen an bunten Plastikknöpfen die Wände hochzogen, spekulierten wir, ob der Wettstreit zwischen den Dörfern Villariba und Villabacho noch aktuell ist – in den 90er-Jahren schrubbten die Bewohner in einem Werbe­spot für Spülmittel überdimensionale Paellapfannen aus. Oscars Vater konnte glaubhaft machen, dass Fairy Ultra wirklich hält, was es verspricht.

„Mit Drogen will ich nichts zu tun haben“

Emils Mutter hat einen witzigen Sohn. Einer aus der großen Langhaarfraktion der 1. Klasse – und mit Sinn für Goldgruben. Auf dem letzten Sommerbasar hat er den ganzen Omas und Opas Kieselsteine vom Schulhof verkauft und ein hübsches Sümmchen zusammengetragen.
Als wir beim Abholen der Geburtstagsgäste zusammentrafen, erzählte sie mir von seinem jüngsten Hobby. Emil sät in den Balkonkästen aus, was er zwischen die Finger bekommt, und lässt es prächtig gedeihen. „Und dann sitz ich da in der Sonne und sehe plötzlich kleine Cannabisblätter neben den Erdbeeren“, kicherte sie und kramte nach der Handtasche für den Fotobeweis. Das Original existiert nicht mehr.
Als Emil dahintergestiegen war, warum Mama auf dem Balkon so laut lachte, hatte er die zackigen Blätter mitsamt Stiel und Wurzel entfernt und sie ganz unten in der Mülltonne deponiert. „Mit Drogen will ich nichts zu tun haben“, habe er ihr eröffnet.

Dann war die Kletterzeit um, und Emil und die anderen purzelten aus verschiedenen Höhen von der Wand herunter, schnappten sich die letzten Muffins und zogen ihre Eltern nach draußen.

Die Rückreise war kurz und schmerzlos. Naja, nicht ganz: Zu tanken hatte ich ganz vergessen, und so blieb die Fahrt auch ohne Kurden und Polizei spannend bis zur letzten Sekunde.

Bildquelle: Adobe Stock @…

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