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Techniker Krankenkasse: Der Cannabis-Report 2018

Medizin

Autor: Rosemarie Binder

Im April 2018 veröffentlichte die Techniker Krankenkasse mit Unterstützung der Universität Bremen erstmals einen detaillierten Bericht zu medizinischem Cannabis. In ihm werden diverse Meta-Analysen zu einer Vielzahl an Studien aufgearbeitet, die den Einsatz von Cannabinoiden bei verschiedenen Patientengruppen beobachteten. Der Report wird einerseits als Leitfaden dienen, sowohl für Krankenkassen und Ärzte, soll aber auch bisherige Patienten und an der Therapie Interessierte über Nutzen und Risiken aufklären.

 

Kein Hype mehr um Cannabis

Das Vorwort des Reports formuliert, mit welcher Motivation die Studien analysiert wurden. Und an sein Ende setzt die TK eine deutliche Absichtserklärung:

 

Mit diesem Report wollen wir dem Hype um Cannabis eine nüchterne Betrachtung der Vor- und Nachteile entgegensetzen. Er soll Ärzten und Patienten eine Orientierung bieten und die Mythen um die Cannabis- Therapie ausräumen.

 

 

In Konflikt mit dem Gesetz

Als Maßstab für die Beurteilung des medizinischen Nutzen wurden auch die Ansprüche des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes (AMNOG) herangezogen, wie es üblicherweise bei neuen Medikamenten der Fall ist. Hier kommt man auch direkt auf die Problematik zu sprechen, welche vor allem seit der Gesetzesänderung vergangenen Jahres für Frust auf Seiten der Patienten sorgt: Die Krankenkassen, die ebenfalls das AMNOG als Leitlinie verwenden, sehen eine Verordnung von cannabinoidhaltigen Arzneimitteln in einigen Fällen nicht als gerechtfertigt.
Dies hat unterschiedliche Gründe und führt letztlich dazu, dass eine Kostenübernahme für viele Patienten vorerst nicht im Bereich des Möglichen liegt. Sie bleiben auf fast den gesamten Kosten der Therapie mit Cannabis sitzen.

 

 

Die vielen Hürden der Kostenübernahme

Die Herkunft der Probleme wurden seitens der TK in sehr differenzierter Weise vorgelegt.
Ausgangspunkt ist die ungenaue Formulierung der neuen Gesetzesgrundlage: Zwar werde deutlich, dass Patienten nunmehr nicht austherapiert sein müssen, um cannabinoidhaltige Arzneien zu erhalten, viele Fragen werfe jedoch auf, was als solche eine schwerwiegende Erkrankung ausmacht, die als Basis einer Verordnung mit Kostenübernahme gelten muss –  bisher gibt es nämlich hierzu keine allgemein gültige Auflistung.

Neben dieser ersten Hürde ist es auch ein besonders kompliziertes Unterfangen, die Verordnung von medizinischem Cannabis mittels der Maßstäbe des AMNOG zu rechtfertigen, denn an diesen orientieren sich die Krankenkassen. Wesentlicher Bestandteil der Richtlinie ist es, dass die Evidenz, also die bewiesene Wirksamkeit mittels detaillierter, qualitativ hochwertiger Studien, gegeben sein muss. Unterschiedliche Faktoren sorgten aber dafür, dass die Evidenz bisher für die meisten Krankheitsbilder nicht gegeben ist.

 

Das Hauptproblem: Zahlreiche Forschungslücken

Insgesamt analysierte man Studien, die zwischen 1975 bis 2016 durchgeführt wurden. Angesichts dieses langen Zeitraums hätte man erwarten können, dass sich ausreichend Material zum Nachweis der Wirksamkeit finden ließ – das Gegenteil ist aber der Fall. Hauptsächlich wird die Aussagekraft der Untersuchungen wegen zu kleiner Teilnehmergruppen oder zu kleiner Beobachtungszeiträume kritisiert. Zusätzlich fehlen den meisten Studien Erhebungen zu den Begleitumständen im Leben der Teilnehmer und nebenbei verordneter Medikation. All dies führt zu einem großen Verzerrungsrisiko – nach wie vor könne also nicht beurteilt werden, bei welcher Diagnose welche Darreichungsform in welcher Dosis angebracht sei. Dies bildet den Kern der Kritik, der die Krankenkassen letztlich von einer Kostenübernahme absehen lässt.

 

 

Wie hoch sind die Kosten der Therapie – und weshalb?

Einen wesentlichen Bestandteil der Abwägung bildet auch das Kosten- Nutzen- Verhältnis: nachdem der Nutzen der Therapie mit Cannabis bereits in seinen Grundlagen kritisiert wurde, stellen die hohen Kosten eine weitere Hürde dar – sowohl für die Krankenkassen, wenn es um eine Übernahme geht, weiterhin für die Patienten, wenn sie für ihre Therapie selbst aufkommen müssen.

 

Dabei sollte auch berücksichtigt werden, dass die Therapie nicht gerade kostengünstig ist. So werden z.B. krebskranken Patienten meist drei Gramm Cannabisblüten verordnet, die über eine Apotheke bezogen werden müssen.[…] eine Opiattherapie wäre sicherlich günstiger zu verschreiben.

 

Bei monatlichen Kosten von bis zu 2.200€ für Cannabisblüten stellt sich die Frage, weshalb die Therapie derzeit noch nicht erschwinglicher ist. Es gibt hierfür zweierlei Gründe: da bisher in Deutschland kein medizinisches Cannabis angebaut werden kann- das komplizierte Verfahren hierzu wird demnächst wieder aufgenommen –  muss es teuer importiert werden. Die Apotheken berechnen zusätzlich einen Aufschlag von 90% zu dem ohnehin bereits teuren Einkaufspreis.

 

 

Wo die Perspektiven liegen

Die angespannte Situation zwischen Ärzten, Kassen und Patienten lässt nunmehr hoffen, dass bald Besserung in Sicht ist. Derzeit sind behandelnde Ärzte verpflichtet, detaillierte Begleiterhebungen zu erstellen, wenn sie Patienten mit Cannabis behandeln. Ziel hiervon ist eine deutliche, evidenzbasierte Studienlage, die die Kostenübernahme seitens der Krankenkassen zulässt – ein Schließen der etlichen Forschungslücken. Ferner würden die Krankenkassen dann entlastet, wenn Cannabis in pharmazeutischer Qualität, in Deutschland produziert, zur Verfügung stünde. Beide Prozesse sind in stetem Gange, werden den Beteiligten dennoch einiges an Geduld abverlangen.

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