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Wie Dread behandelt

Wat jibbit?

Autor

Iven Sohmann

Iven entwickelt Marken für Lebens- und Genussmittel, schreibt über visuelle und verbale Sprache, ist nach zwei Zügen drei Tage dumm. Beobachtungen aus dem Weederstand.

Vor etwa 20 Jahren, als sich mein kreativer Output noch auf Spuckepfützen an der Tramhaltestelle beschränkte, luden mich zwei Punks an einer solchen auf Schläge ein: „Zieh das aus, du Fascho! Willst du auf die Fresse, oder was?“ Die Rede war von meinem Hoodie, dessen Brust das Logo eines Skateboardachsen-Herstellers zierte, das dem Eisernen Kreuz wiederum zum Verwechseln ähnlich sah. Was sich die US-amerikanische Independent Truck Company dabei dachte: Keine Ahnung. Was ich mir dabei dachte: Dummerweise nichts. Da ich aber auf weiteres Skaterzubehör verweisen und eine halbwegs anständige Weltanschauung glaubhaft machen konnte, beließen es die beiden beim Fingerzeig. „Mit dem Haarschnitt musst du aufpassen, Mann!“

Mittlerweile hat sich die – in meinem Fall nun notgedrungene – Stoppelglatze weitestgehend vom Häftlings-, Soldaten- und Neonazi-Image gelöst und wird vielfach sogar zum phallischen Potenzgaranten erklärt (Ausnahmen bestätigen die Regel). Andere Frisurenklischees halten sich indes beharrlicher: Zöpfe sind für Softies, Pixies für Lesben und Dreadlocks für Stoner. Stets mit abwertender Intention versteht sich. Dass Letztere als miese Frise gelten, zeigt bereits die Wortherkunft.

Von weißen Kolonialisten als dreadful (fürchterlich) verspottet, entwickelten sich die Filzlocken der Schwarzen Bevölkerung Jamaikas in den 1930er Jahren zum Sinnbild der empowernden Rastafari-Bewegung. Die selbstbewusste Umdeutung zu Dreadlocks ist in der Black Community jedoch umstritten, weswegen sich auch die Bezeichnung Locs etabliert hat. Mit der Ska- und Reggae-Welle erlangte die Frisur in den 1960er/1970er Jahren dann weltweite Bekanntheit. Und Verbreitung. Insbesondere Reggae hat durch permanente Ganja-Predigten dazu beigetragen, dass sich die Locs vom Widerstandssymbol der Unterdrückten zum Accessoire der highen Society wandelten.

Dabei gab es Filzlocken natürlich schon vor der alttestamentlichen, aber jungen Rastafari-Religion. Zumal sich die Frisur je nach Haarstruktur und -länge mitunter von selbst einstellt. Entsprechend führt ihre Geschichte vom Hinduismus und Buddhismus über den Islam bis zum Heiden- und Christentum und erstreckt sich über alle Kontinente, mit Ausnahme Antarktikas. Die heutige Popularität, die landläufige Bezeichnung und das Stoner-Stereotyp sind aber vor allem das Erbe der jamaikanischen Rastafari und ihres Rauschritus.

Ohne in die hitzig geführte Debatte um kulturelle Aneignung einstimmen zu wollen: Sollte nicht ein Mindestmaß an Respekt – eine Haarlänge Anstand – ohnehin gebieten, sich mit den spirituellen Hintergründen seiner Wunschfrisur auseinanderzusetzen? Ebenso wie grundsätzlich erwartet werden darf, wegen dieser nicht als drogenabhängig, stinkend oder lausbefallen stigmatisiert zu werden? Dreadheads und Vogelnester – der Vergleich stinkt! Obwohl schnell ausgehfertig, ist die Haartracht nämlich höchst pflegeintensiv. Die kunstvollen Färbungen und Verzierungen noch gar nicht mit eingerechnet. Fettige Haare verfilzen denkbar schlecht und müssen deshalb regelmäßig gewaschen und mühsam getrocknet werden. Vom Nachhäkeln der Ansätze ganz zu schweigen.

Dass ein paar Knallköppe meinen, sie könnten diesen Prozess mit Bier und rohen Eiern verkürzen ohne Tage später nach Pfandautomaten in Käfighaltung zu müffeln – touché. Die Dummheit der Menschen ist bekanntlich unendlich. Es gibt schließlich auch immer noch welche, die Rothaarige der Hexerei bezichtigen, Blondschöpfe für blöd halten oder Afrohaar „wild“ finden. Und wo wir gerade dabei sind: Nichts von alledem ist übrigens eine Einladung zum Anfassen. Tatsächliche Wehrmachtsinsignien hingegen schon. In dem Fall gib ihm! Alle anderen aber bitte nicht über einen Kamm scheren.

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