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Es geht nicht ohne!

Kommentar

Autor: Rosemarie Binder

Die weltweite Cannabisbranche, die sich im Laufe der vergangenen Jahre entwickelt hat, verändert die Szene: Das rasante Wachstum, in welchem sie sich befindet, zeugt von der Salonfähigkeit und Anerkennung, die die Pflanze mittlerweile auch auf medizinischem Niveau erreicht hat. Und von weiter hohem gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Potenzial. Dieses kann vollends nur mit der Legalisierung ausgeschöpft werden – würden da nicht einige die Nase rümpfen, allen rationalen Argumenten zum Trotz.

 

Die Pflanze ist vor Jahrzehnten schon zum Politikum geworden. Es gibt eine Vielfalt an Konsumenten, für die sie als gemeinhin empfundenes Sinnbild für Freiheit und Frieden gilt. Der damit verbundene Schwarzmarkt ist ein Problem, da mit ihm Straftaten einhergehen. Sie sind die Grundlage der Stigmata, mit denen Konsumenten ungerechterweise umgehen müssen. Mitunter aus diesem Grund haben sich Uruguay und Kanada für die Legalisierung entschieden. Kalifornien nutzt sie, um die ehemals ungerechte Drogenpolitik zugunsten der afroamerikanischen Bevölkerung zu gestalten. Cannabis freizugeben bedeutet nicht, die Substanz zu verharmlosen – an dieser Stelle darf sich die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler angesprochen fühlen –, sondern dem unterm Radar der Behörden arbeitenden illegalen Handel seine Kunden und somit seine Grundlage zu entziehen.

 

Frau Mortler sollte nicht aus dem Auge verlieren, dass Schwarzmarktdealer in der Regel nicht über gesundheitliche Risiken aufklären oder gar Jugendschutz betreiben. Dass Verbote so gefährlich blauäugig motiviert sind, macht es zudem Suchtkranken schwerer, sich Hilfe zu suchen, weil damit das Bekenntnis zur Beschaffungskriminalität zusammenhängt. Was die Drogenbeauftragte leider nicht erkennt, ist, dass sie mit ihren Ansätzen die Menschen, die Hilfe brauchen, nicht erreicht. Wünschenswert wäre an dieser Stelle durchaus mehr Reflektiertheit und weniger Realitätsferne. Die Drogenbeauftragte macht es sich schlicht zu einfach damit, die Legalisierung in Kanada als Kapitulation zu bezeichnen und verweist vage auf schwerwiegende gesundheitliche Schäden, die angeblich mit dem Cannabiskonsum einhergehen können.

 

Nennen wir ein ganz konkretes Beispiel schwerwiegender Schäden im Zusammenhang mit Cannabis: Im Jahr 2007 erlebte die Stadt Leipzig eine Massenvergiftung durch Blei im Gras, das auf der Straße verkauft wurde. Da die Konsumenten sich bei den Ärzten häufig nicht über ihren Cannabiskonsum äußerten, konnte die Herkunft der unterschiedlichen Vergiftungssymptome über längere Zeit nicht gefunden werden. Der Deutsche Hanfverband hatte die drastische Zunahme von Streckmitteln, unter anderem Blei, bereits länger beobachtet. Von ihm wurde die damalige Drogenbeauftragte Sabine Bätzing in einem Schreiben vom Januar 2007 dazu aufgefordert, sich der Problematik verstärkt anzunehmen. Der Versuch blieb erfolglos und der Ernst der Lage wurde erst offensichtlich, als es bereits zu spät war. Erst ab November des Jahres gab es offizielle Warnungen vor bleihaltigem Cannabis. Mit einer solchen Vergiftung müssen die Konsumenten jahrelang umgehen. Die staatlich kontrollierte Abgabe von Cannabis kann solche Szenarien vermeiden und die jetzige Bundesdrogenbeauftragte muss dringend aus ihnen lernen.

Um noch einmal die Realität anzusprechen: Die Menschheit nutzt Drogen seit jeher und dem werden die wirksamsten Aufklärungsmethoden nicht komplett Abhilfe verschaffen können. Genau das ist eben die Ausgangslage, mit der die Drogenbeauftragte arbeiten müsste. Es muss ferner ihre Aufgabe sein, den Konsum so sicher wie möglich für alle Beteiligten zu gestalten. Sich diesen Gegebenheiten zu verschließen, zeigt, mit wie viel Borniertheit und Verklärung sie ihre Aufgabenstellung angeht.

 

Immerhin ist in das Thema viel Bewegung gekommen in den vergangenen Jahren – und vermehrt mag auch das Gefühl aufkommen, dass eine Legalisierung unausweichlich wird. In Deutschland spricht sich die Politik teils schon dafür aus, auch mit dem Hintergrund, die Staatskassen mit Steuereinnahmen zu füllen und die Behörden zu entlasten. Das sieht auch die FDP so. Ihr Antrag im Bundestag, etwaige Produktionsüberschüsse zu exportieren, ist dennoch fragwürdig. Diese müssten per Gesetz rein theoretisch vernichtet werden. Das deutsche Cannabis, das es jetzt noch gar nicht gibt, wird den Bedarf der Menschen hierzulande noch einige Zeit lang nicht decken. Erneut ein Beispiel dafür, wie stark sich die Politik einst von dem Thema distanziert hatte: Ihr fehlen realistische Bezugspunkte, teils ja auch, da sie diese bewusst meidet – sie würden die eigenen Theorien konterkarieren.

 

Vielleicht hat die Utopie der FDP weniger Relevanz als die Ideologie anderer. Trotzdem sollte auch sie die Menschen nicht vergessen, denen Cannabis eigentlich von Nutzen sein soll. Deren Motivation ist selten ökonomischer Natur. Dennoch könnte die Pflanze uns durch Steuereinnahmen bereichern, vorausgesetzt, sie würden richtig verwendet. Zum Beispiel für Jugendschutz und Suchthilfe. Aber dafür muss zunächst die Prohibitionspolitik weichen, die von den zuständigen Stellen vertreten wird.

 

Stell dir vor es gibt ne Steuer, die die Leute gerne zahlen/ Und so oft sie sie bezahlen, jedes Mal vor Freude strahlen/ Die ganze Kohle wird verschenkt/ Einfach im Schwarzgeldsumpf versenkt/ Um diese Steuer zu kassieren/ Muss man nur Hasch legalisieren.

Götz Widmann in seinem Lied „Die Zaubersteuer“

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