Text: Zita Cumberland

Zita ist eine ganz normale Frau. Ebenso gern wie sie ein Glas Champagner trinkt, raucht sie auch mal einen Joint. Zufällig oder nicht gerät sie so immer wieder an unterhaltsame Geschichten. 

Sie ist wahnsinnig frauenverachtend – aber ich kann nicht aufhören, sie mir reinzuziehen, sobald sich eine Verschnaufpause im Alltag ankündigt: die Sitcom Two and a Half Men. Und zwar die ersten Staffeln, mit dem Draufgänger Charlie Sheen in der Hauptrolle.
Wer es nicht kennt: Charlie, der Komponist für Werbejingles, ist ein „Goldjunge“: Ab und zu setzt er sich an seinen Flügel in seinem Strandhaus in Malibu, schüttelt sich einen Jingle aus dem Ärmel, um den Rest seiner Zeit bei klingelnder Kasse dem puren Vergnügen zu widmen. Wenn er nicht ein ausgedehntes Mittagsschläfchen hält, ist es ein Kristallglas mit reichlich Bourbon. Frauen, konstant in Doppel-D, geben sich die Klinke in die Hand und sitzen schneller wieder vor der Türe, als sich ihr Kokainrausch gelegt hat.

Sexismus pur?

Meine Freundinnen sagen: „Boah Zita, das ist Sexismus in Reinform“, aber ich beanspruche, beim Glotzen eine Meta-Ebene einzunehmen, die über jeden Verdacht erhaben ist. Ich glaube, es ist einzig und allein der gnadenlos gute Humor, der mich alles andere ertragen lässt.
Wenn nämlich Alan, Charlies verstockter Bruder, der ein Loserleben führt, pathetische Hymnen auf Brüderlichkeit, Reife und Anstand schwingt, um letztendlich seine Daseinsberechtigung zu garantieren, schnürt Charlie das mit einem derben Spruch ab. Da, wo amerikanisches Fernsehen unerträglich triefen würde, knallt der Zuschauer bei Two and a Half Men hart auf dem Boden auf – auf die denkbar lustigste Art.

Manchmal schlägt das Serienkarma zurück

Charlie ist ein dem System Entkommener, der aber das tut, wovor die Gesellschaft Angst hat, weil er sich Freiheiten nimmt ohne Rücksicht auf andere. Er ist ein Verschwender. Am eindrücklichsten zeigt sich das in seinem Frauenverschleiß, lässt sich aber auch auf Drogen und Glücksspiel ausweiten. Nur manchmal schlägt das Serienkarma zurück, sorgt kurzzeitig für die „gerechte Strafe“ und lässt Alans sehr angepassten Lebensstil in samtigerem Licht schimmern. Ansonsten beneidet Alan seinen Bruder, weil: Er würde ziemlich genauso handeln, wenn er nur dürfte und könnte.
Das ist aber ein trauriger Rückschluss: Dass Freiheit zwangsläufig Schwerenöter hervorbringt. Und ich glaube das auch nicht – höchstens vorübergehend.
Eine Freundin hat vor ein paar Jahren entschieden, ihre kleine, relativ durchgedrehte Tochter Fibi in eine Freie Schule zu geben. Da hätte man sich zwar alles, was im Curriculum eines deutschen Grundschülers enthalten ist, über Lernkästen selbst aneignen können, wenn man Lust gehabt hätte. Aber Fibi wollte lieber Vampir spielen und stellte sich schwarz behangen mit dem Gartenschlauch auf das Trampolin, um alle nass zu spritzen, die ihr zu nah kamen. Das machte sie wochenlang – und sie hätte auch vielleicht noch eine Weile weitergemacht, wenn ihre Eltern das Projekt Freie Schule da nicht schon für gescheitert erklärt hätten.

Ton schärfer, Kontrollen gründlicher

So durchgedreht die Kleine, so verwirrt waren allerdings auch die Eltern, miteinander und jeder für sich. Weil sonst hätte das ganze Projekt auch klappen können und Fibi hätte irgendwann genug vom Aufbäumen gehabt und für sich entdecken wollen, was sie sonst noch drauf hat.
Und anstatt als Gesellschaft dann zu sagen: „Hab ich doch gleich gewusst“, und das zum Anlass zu nehmen, den Ton schärfer und die Kontrollen gründlicher werden zu lassen, würden Ruhe, Geduld und Vertrauen wahrscheinlich viel mehr bewirken.
Freiheit klingt so schön. Ihr ist aber zu eigen, dass sie keine Grenzen kennt. Und das macht offenbar immer mehr Menschen angst und bange. Persönliche Entscheidungen werden zum Politikum: Meine Frau soll nicht fremdgehen – ‚wir machen´s Alleinerziehenden doppelt schwer‘, sagt die AfD und kündigt an, dann staatliche Unterstützung herunterzufahren.

Trampolinerfahrung

In China würde ein Charlie gar nicht mehr in der Form existieren. Bis 2020 soll ein Sozialkreditpunktesystem jeden Schwerenöter in Fasson gebracht haben. Porno geguckt, Müll falsch sortiert, über den Durst getrunken, an der falschen Stelle laut gelacht, rächt sich mit Reiseverboten und schlechteren Ausbildungsmöglichkeiten für die eigenen Kinder. Umgekehrt wird ein staatsloyales Verhalten mit Bonuspunkten belohnt. Warum? „Illegales und unmoralisches Verhalten unterbinden“, sagt die chinesische Regierung.
Auch ein aufgebrachtes Mädchen wie Fibi hätte keine Chance – nicht obwohl, sondern weil aus ihr ein wertvoller Denker werden könnte – jemand, der selbst gelernt hat, abzuwägen, was gut und was schlecht ist. Dabei würde ich, wenn ich eine Stellenausschreibung für einen neuen deutschen Kanzler formulieren dürfte, zuallererst nach seinen Trampolin- und Vampirerfahrungen fragen.