Text: Zita Cumberland

Puh, dieses Jahr bin ich von Rundbriefen verschont geblieben. Also diesen persönlichen Berichterstattungen über das vergangene Jahr bestimmter Familien. Zu dem Best of (Heiko hat im Abitur als Klassenbester abgeschnitten) fügen manche dem Rückblick auch ein paar „lehrreiche“ Fehlschläge bei. Zum Beispiel dass der angedachte Halbmarathon zu hoch gegriffen war und man jetzt klein anfängt – klein, aber beharrlich.
Wie man so eine Tradition wohl startet? Wahrscheinlich wenn Kinder auf die Welt kommen. Natürlich, da ist man stolz und möchte am liebsten jeden Windelschiss dokumentieren. Aber dafür gibt es ja auch Instagram. Wo man sogar ganz direkt vergleichen kann, welches Kind die erfinderischsten Sandburgen baut und die süßeren Kulleraugen macht. Und wer kriegt die tollste Geburtstagstorte? Hahaa, meine Tochter! Ups, dass mein neuer Prada-Slipper ins Bild geraten ist, war keine Absicht.

Unterhosen klauen

Aber bei meinen Eltern zuhause, da lag noch so ein postalisch zugesandtes Exemplar. In einem dunkelgrünen, mit Goldsternchen beklebten Umschlag. Die Verfasserin Frau R. ist längst mehrfache Oma. Ihre Enkelkinder im Teenageralter, wo ruhmreiche Taten eine Frage der Perspektive sind – und lieber verschwiegen wird, dass Felix während des Mathetests unterm Pult Bong geraucht hat (und von seinen Kumpels als King of the Kings gefeiert wurde) oder Milli 42 Unterhosen am Türsteher von Primark unbezahlt vorbeischleusen konnte.
Daher hat Frau R. einen anderen Schwerpunkt gesetzt, um ihrem Dasein Ausdruck zu verleihen: Und so gleicht der Brief – zweiseitig betippt – einer gnadenlosen Krankenakte, die man sich nicht genießerisch zurücklehnend zu Gemüte führt, sondern zwischen den Fingern durchschielend, falls es allzu widerlich wird. Und das wird es, weil „Herberts Abszess seit dem Spätsommer nicht aufhören will zu eitern“.

Fingernagelrekorde

Bei Rundbriefen wie auch bei Instagram geht es irgendwie um das Gleiche: Superlative. Und die können eben in beide Richtungen ausschlagen: supersexy oder supereklig, superanstrengend, superkrank, superselten, superwitzig, superpeinlich, supermom, superkinder, superkreativ, supersubversiv.
Das Buch der Rekorde zeigt die Extreme in allen erdenklichen Auswüchsen. Das Spektrum ist riesig, natürlich. Eine Konstante – denn ich habe das Buch der Rekorde seit 1998 nicht mehr in Händen gehalten, aber jetzt wieder – ist der Inder mit den längsten Fingernägeln. Da ist übrigens alles drin, irgendwie eklig, aber auch geil, wie sie sich kilometerweise kräuseln.
Shridhar Chillal, so heißt der Rekordhalter, hat die Nägel jetzt an den Nagel bzw. ins Kuriositätenmuseum von New York hängen lassen und ist raus aus dem Wettbewerb. Denn die langnagelige Konkurrenz schläft nicht – oder doch, denn was kann man mit ellenlangen Nägeln viel unternehmen?

Cannabis statt Instagram

Für Aufmerksamkeit wird viel in Kauf genommen – unter Umständen ein erfülltes Leben, in dem man sich ohne fremde Hilfe die Hosen anziehen kann. „Ich kann leider nicht mich selbst entfalten, ich muss diese Nägel wachsen lassen – mindestens noch acht Jahre“. Nagelrekordanwärter gibt es nicht viele? Das stimmt, aber für ein bisschen Balsam der Aufmerksamkeit eignen sich alle möglichen Selbstverhinderungstechniken. Und eine davon ist, Herzchen zu verteilen, um Herzchen zu bekommen, tagein tagaus.
Jeder wie er´s braucht? Natürlich. Aber es wäre schön, unseren Kindern vorzuleben, dass Aufmerksamkeit als Selbstzweck nicht der eigentliche Sinn des Lebens ist. „Kinder, den Kuchen habe ich zwar für euch gebacken, aber nicht naschen, ich muss ihn erst posten“ würde meine Tochter mit einem tiefen Fingerabdruck bis tief hinein ins süße Kuchenherz quittieren. Es gibt wahrscheinlich nichts Schöneres, als wenn Mama egal ist, was die anderen denken, und einfach genießt.
Ein bisschen Cannabis, darauf schwören überzeugte Potmoms, lässt sowieso alles außen vor, was das Spiel mit den Kindern stören könnte. Und wenn man Mütter und Väter auf Spielplätzen versunken ganze Sandschlossanlagen bauen sieht oder mit ihrem Kind neue Hangeltechniken entwickeln, dann ist vielleicht ein Krümelchen Haschkeks dabei gewesen. Solche Eltern brauchen auch keine Angst zu haben, später als zahnlose Omis und Opis in der Instastory ihrer erwachsenen Kinder verbraten zu werden unter Hashtags wie #glücklichmitfrischerwindel oder #faltenzählen1006.